Aussicht

Es war einmal...

Friedrich der Türmer

Friedrich der Türmer hat alles im Blick, was auf der Burg geschieht.

Er ist auf seinem hohen Wachposten jedoch manchmal ziemlich einsam, da sich selten jemand in sein Gemach im Dach des Wohnturms verirrt. Wenn er sich mal wieder langweilt, schreibt er in sein Tagebuch und berichtet von den Ereignissen auf der Burg, aus seiner ihm ganz eigenen Sicht ...

...das Tagebuch des Türmers

5. Tag des Jenner, Anno Domini 1311

Liebes Tagebuch,

der Winter hat uns fest im Griff. Schnee und Eis sind aber nur eine Folge des Wetters. Ebenso ungestüm führt sich der Vogt auf. Die Wege in der Umgebung, insbesondere Richtung Hersfeld sind zwischenzeitlich ganz und gar unpassierbar. Insofern scheint er keine Sorge zu haben, dass zwischenzeitlich meine hohe Warte nicht besetzt ist.
Stattdessen nutzt er diese Zeit, um uns arme Knechte trotzdem mehrfach am Tag im Hof antreten zu lassen. Dies sei gut für die Moral in der Truppe, schnauzte er. Und wehe dem, der nach dem Ruf des Horns nicht rechtzeitig zumindest in Kettenhaube und Brustharnisch mit geschultertem Besen in Reih und Glied stehe.

Gestern erklang das Horn noch vor Tagesanbruch. Und rein in die Stiefel! In der Dunkelheit ging es hastig treppab in den Hof. Von dort arbeiteten wir uns angetrieben vom Vogt hinab bis zum Haselpfad, um den Schnee links und rechts des geschaffenen Pfades weiter und weiter aufzutürmen. Atemlos stapften wir zurück in die Halle an den Ofen und rieben uns wieder etwas Gefühl in die kalten Finger. Nach dem warmen Brei zum Frühstück ging dann jeder seiner Tätigkeit nach.
Da erschall das Horn zum zweiten Mal: sogleich versammelte sich die Burgbesatzung, gerüstet und zu allem bereit. Unbarmherzig kam von Westen der Eisregen über uns. Alles vergrub er unter einem hart gefrorenen Panzer. Wir teilten uns auf. „Suse und Silvia, Ihr haltet auf der Treppe im Burggarten die Stellung!“, rief der Vogt. „Die anderen mir nach!“ und eilte zum Tor. Wir machten einen Ausfall mit Pickel und Hacke durch die Sturmpforte und hackten dort den Weg frei. Wir wurden kurz unterbrochen – „Haltet ein!“ rief jemand und der Kaplan kam mit einem Korb über dem Arm, grüsste lächelnd und nahm den geräumten Pfad ins Dorf. Sodann ging es mit brennendem Eifer weiter und wir brachten die Sache zu Ende. Erschöpft und uns gegenseitig stützend kehrten wir unversehrt hinter die Burgmauern zurück.
Am Abend erklang das Horn zum dritten und zum vierten Male. Unerbittlich setzte der Himmel seine Belagerung fort und blies seine Wolkentürme heran, dunkel und drohend, aus denen es ohne Maß schneite. Der Vogt stieß erneut ins Horn, kommandierte uns in Formation. Einen Schild über unseren Köpfen haltend, fochten wir auf allen Positionen bis zur völligen Erschöpfung. Wir hielten kurz inne - der Kaplan kam schwer atmend aus dem Dorf zurück und grüsste ohne zu lächeln. Sofort ging es in allen Stellungen weiter. Das Schneetreiben wurde weniger und das Feuer des nahen Sieges brannte in unseren Augen. Aber erst als es ganz aufhörte und der Vogt sicher war, dass an diesem Tag sich niemand mehr außerhalb der schützenden Mauern aufhielt, ließ er endlich von uns ab.

Welch Zermürbung fühle ich dagegen heute Morgen ob des Treueeides, den ich meinem Herrn geschworen habe. Dahin ist der Mut, da das Horn wieder fordernd erschallt. Ängstlich öffne ich die Luke: wo wir Gestern noch die Breschen schlugen, ist der frostige Ring um die Burg wieder fest geschlossen. In Zeiten der Belagerung gibt es keine Barmherzigkeit. Leise singe ich: „…mit dem Schwert in der Hand und dem Schild an der Seit’ - allez mon ami – es geht heut’ zum Streit!“

14. Tag des Hornung, Anno Domini 1311

Liebes Tagebuch,

der Herr hatte sich im Winter dazu entschlossen, in seinem Steinernen Haus ein paar Schönheitsreparaturen durchführen zu lassen. Es war die Rede davon, die Räume heller zu machen, hier und da ein neuer Türdurchbruch und einige farbliche Veränderungen vorzunehmen.

Wenn ich mir das heute von hier oben so betrachte, scheint dies aber ein wenig aus dem Ruder gelaufen zu sein. Er ist vorübergehend in der Vogtei untergebracht. Wie es mit dem Steinernen Haus weitergehen soll, ist noch nicht ganz klar.

1. Tag des Lenzing, Anno Domini 1311

Liebes Tagebuch,

der Frühling ist da. Nach Tagen des Sonnenscheins, der allem und jedem erlaubte seine Fühler und Glieder ausgiebig zu strecken, Läden und Lucken aufzureißen und endlich wieder klare Luft zu atmen, fällt auch ein wenig willkommener Regen. Schneeglöckchen, Winterlinge und die ersten Krokusse grüßen von allen Seiten bei leichtfüßigen Ausflügen und ein schönes Lied vom Sänger Blondell auf den Lippen, lässt einen das Tagwerk erfrischt und beschwingt erledigen.

Am steinernen Haus werden emsig die Trümmer ausgegraben - die Aussenmauer soll wieder aufgebaut und ausgebessert werden.

21. Tag des Ostermanoth, Anno Domini 1311

Liebes Tagebuch,

die Burg ist eine Baustelle. Nicht dass sie das nicht schon immer gewesen ist - aber nun richtig!

Überall sind Gerüste - viele Stockwerke hoch. Ich habe versucht auf eines zu steigen, aber mir ist schwindelig geworden. Und das einem Türmer!

10. Tag des Wonnemanoth, Anno Domini 1311

Liebes Tagebuch,

hier geht es zu wie in einem Bienenstock. Man geht knöcheltief in Mörtel und Schlamm und auch in den Kemenaten sind allerorten weisse und braune Fußspuren.

Als der Meister Sebastian das Gerüst sah, rief er das man nun auch Nägel mit Köpfen machen solle und gleich auch die schadhaften Dächer der Vogtei und des Wirtshauses ausbessern solle. Kurz nach Sonnenaufgang deckten seine Gesellen dem Vogt das Dach auf und weckten ihn unsanft. Diesem blieb nichts anderes, als verschämt das Gerümpel auf seinem Dachboden zu räumen und mürrisch drein zu schauen.

2. Tag des Heumanoth, Anno Domini 1311

Liebes Tagebuch,

zu Christi Himmelfahrt sollte der größte Teil des Gerüstes am steinernen Haus und der Tormauer wieder abgebaut sein, denn zahlreiche Gäste hatten ihr Kommen angekündigt und es sieht ja nicht gut aus, wenn die Burg so baufällig dreinschaut.

Also wurden alle Handwerker vom Baumeister und vom Vogt mächtig angetrieben und immer wieder mit besorgten Mienen befragt und gedrängelt, so daß Sven der Obermaurer schon gar nicht mehr von der obersten Gerüstlage herunter kommen wollte - wohl weil er sich durch die Fragen nicht weiter von der Arbeit abhalten lassen wollte.

Gestern brach dann der Trubel schon in den frühen Morgenstunden aus: der Meister schimpfte auf die Gesellen, die Gesellen (aber nur leise hinten im Dachboden) auf den Meister, die Zimmerleute schimpften über die Maurer und umgekehrt, der Steinmetz schimpfte mit sich selbst und dann kam der Gerüstbauer aus Suntraha und schimpfte auf alle und vor allem auf den Dreck (er brauchte ein anderes Wort) überall auf dem Gerüst. Als er die durchgebrochenen Bohlen an der Tormauer sah, rief er den Beistand des Allerhöchsten an - und so ging es den ganzen Tag.

Als die Dunkelheit hereinbrach, sah der Burghof wieder fast sauber aus und die Stille kehrte fast zurück. Nur die Zimmerleute feierten noch mit den Mägden im Wirtshaus, bis auch sie irgendwann nach Hause schwankten.

 

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