Aussicht

Es war einmal...

Friedrich der Türmer

Friedrich der Türmer hat alles im Blick, was auf der Burg geschieht.

Er ist auf seinem hohen Wachposten jedoch manchmal ziemlich einsam, da sich selten jemand in sein Gemach im Dach des Wohnturms verirrt. Wenn er sich mal wieder langweilt, schreibt er in sein Tagebuch und berichtet von den Ereignissen auf der Burg, aus seiner ihm ganz eigenen Sicht ...

...das Tagebuch des Türmers

5. Tag des Jenner, Anno Domini 1310

Liebes Tagebuch,

es ist bitterkalt. Fest eingerollt in mein Kolder und mit einen guten Vorrat an Kliwwern lässt es sich in meiner Kammer aushalten. Aber am ärgsten sind die Zehen. Die lassen sich kaum in der Broddel über dem Glutbecken aufwärmen. Auch die Zeit der Schlemmerei ist nun vorüber: Gesulwerdes mit Schlotten und walsche Schlubberkohl mit Brot werden uns täglich abwechselnd aufgetischt. Wir müssten sparen, sagt der Vogt, denn der Winter sei immer eine Zeit der Krise – er entwickelt sich mehr und mehr zum Zeebiedel.

Doch hebt man den Blick vom reizlosen Angebot der Tafel, so erfreut einen die Natur, die zum Wintermärchen erstarrt ist. Gut knöchelhoch bedeckt der Schnee die Landschaft und gibt Anlass zu allerley Kurzweil. Hans hat es für sich entdeckt am Tor Anlauf zu nehmen und bis zum Torhaus hinunter zu schlittern.

Auch das Schlagapfelspiel findet derzeit wieder allerbeste  Bedingungen. Die Spielbälle sind des Morgens zur Gänze durchgefroren und lassen sich mit ausgewählten Stacketen hervorragend und hart schlagen. Aber wehe dem, der sie zu fangen hat oder sich in der Flugbahn befindet.

6. Tag des Jenner, Anno Domini 1310

Liebes Tagebuch,

heute Nacht ging die letzte der zwölf Rauhnächte zu Ende und ich saß mit Meister Gunter und Meister Burkhardt zusammen in der Schmiede beim Stärk antrinken. Denn diese letzte Rauhnacht ist eine besondere Rauhnacht, nämlich die Perchten-Nacht, hat mir Gunter der Bogner erklärt. Die Rauhnächte sollen vorsichtig und wachsam begangen werden, da sie das ganze kommende Jahr in sich bergen und jeder selber dafür verantwortlich ist, wie sich sein Jahr entwickelt. Die Alten benutzten jede dieser Rauhnächte für einen Monat des Jahres zum Deuten und Orakeln. Aber von solchen Dingen hält der Kaplan nichts – und ich muss schon wieder an die flüsternden Bäume in den immerschattigen Seitentälern der Gelster denken, von denen Knecht Jens erzählte, brrr.

„Jeder ist seines Glückes Schmied.“ ergänzte Meister Burkhardt und singt leise: „Heut is d´ Rauhnacht, wer hats aufbracht? Drei alte Weiber und a alter Geiger und a alter Hennafuaß, den ma drei Tag siedn muaß. Kropfa heraus, Kropfa heraus, oder i stich enk a Loch ins Haus."
Aber gestern Nacht, in der Perchten-Nacht wie Gunter sie nennt, wurde in vergangenen Tagen das ganze Haus, die Ställe und mancherorts auch rundherum geräuchert, der Perchtenumzug. Er stellt eine wilde Jagd dar, um Dämonen, Geister und die Percht, die Wintergöttin, zu vertreiben. Es klingt wie eine Mär, aber es wirkt in unseren Seelen – insbesondere wenn es Gunter nach Einbruch der Dunkelheit mit raunender Stimme und nur im Schein einer Talgfunzel erzählt .
Aber heute Nacht war auch die Epihaniasnacht und der Kaplan zog zum Hochfest der Erscheinung des Herrn mit dem größten Weihrauchfass das er finden konnte, durch den gesamten Wohnturm. Es qualmte aus allen Öffnungen wie nach einem mittleren Schwelbrand. Selbst draußen in der Schmiede mussten wir noch Husten.

2. Tag des Hornung, Anno Domini 1310

Liebes Tagebuch,

es ist Mariä Lichtmess und es tut sich wieder was auf dem Dannenberg. Der Kaplan lässt sich Kerzen bringen, um sie zu segnen und heute Nacht den Segen des heiligen St. Blasius zu spenden. Bei dem Wetter und nach Epiphanias kann ich einen Schutz gegen Halskrankheiten gut gebrauchen, denn ich habe schon wieder so ein Kratzen und will nicht krank werden.

Alle Burgbewohner freuen sich auf den Sonnensprung, denn ab jetzt werden die Tage wieder deutlich länger. Und meine Großmutter hat immer gesagt: „Ist’s an Lichtmess hell und rein, wird’s ein langer Winter sein. Wenn es aber stürmt und schneit, ist der Frühling nicht mehr weit.“

Bauer Heinrich sagt, dass heute noch mal richtig was runter kommt – da habe er im linken Knie so ein Gefühl. Er hält es aber lieber mit der Regel: „St. Blasius ist auf Trab, stößt dem Winter die Hörner ab.“ Das gibt Hoffnung. Denn in diesem Jahr werden wir dem Schnee kaum mehr Herr. Das sollte ich mal Hans erzählen, der mich nicht glauben wollte, dass man riechen kann, wenn die Luft Schnee heranträgt – andere machen das mit ihren Gliedmaßen!

17. Tag des Hornung, Anno Domini 1310

Liebes Tagebuch,

also das mit Lichtmeß und Bauer Heinrichs linkem Knie kann nicht so recht stimmen. Nach wie vor herrscht Schneetreiben und strenger Frost. Die Zahl der Freunde weißer Pracht nimmt stetig ab.

So werden nun mit ungeheurer Vorfreude Arbeiten in Angriff genommen, die der andauernden Kälte entgegenwirken sollen: in der Gesindestube wird nun endlich der vom Vogt versprochene Ofen gebaut! Es ist Mitte des Hornung - der Winter ist beinah rum und auch bei all der Kälte und dem eisglatten Gelände kann es nicht mehr lange bis zum Frühling dauern. Der Vogt besinnt sich also nun auf sein Versprechen aus der Adventszeit. Ich denke, das hängt mit den schmelzenden Holzvorräten zusammen.

Es ist schon ein Kreuz mit dem Holz. Ende des vergangenen Jahres ist der alte Karren, mit dem das Holz immer in die Burg geschafft wurde, ungebremst einen Hang hinab geschossen und an einem Baum zerschellt. Kutschmeister Hermann schüttelte nur den Kopf bei der Frage nach einer Instandsetzung. Wir haben die Überreste gegen einen anderen, gebrauchten Karren eingetauscht. Der ist aber länger und das bereitet Schwierigkeiten bei der Tordurchfahrt. Der Herr Fornarius Hans unkt, dass bei dem Winter das Brennholz wohl kaum über den März reichen wird. Also wird das Gesinde sich das Holz an den Hängen und im Wald selbst suchen müssen, wenn der Ofen seinem Zweck dienen soll.

1. Tag des Märzen, Anno Domini 1310

Liebes Tagebuch,

in den vergangenen Tagen hatten wir tagsüber keinen und nachts nur noch leichten Frost, so dass der Schnee und das dicke Eis darunter geschmolzen sind. Es ist doch etwas ganz anderes, sicheren Schrittes den Burghof und den Weg zu den Obstwiesen und ins Tal begehen zu können. All die schlitternden Karren und Momente des Erschreckens sind nun genug.

Allerdings, was nunmehr dem freien Blick ungehindert ausgesetzt ist, war unter dem Schnee kaum zu erahnen: ein wahrhaftig beeindruckender Berg an Mist, der wegen der Widrigkeiten durch das Wetter nur notdürftig zusammengerecht war. Hans und Jupp können es kaum mehr erwarten aus ihrem Pferch wieder auf die Wiese gelassen zu werden. Aber auch die Hunde streichen  unter dem strengen Blick des Vogtes verschämt und mit gesenktem Blick an Orten vorbei, an denen sie unzweifelhaft im Laufe des Winters gewesen sein müssen.

Der Frühling kann nicht mehr fern sein: jeden Tag scheint ein bisschen die Sonne, die Vögel singen und die Gänse kehren wieder zurück.
Der Herr Kaplan meinte in der letzten Messe, dass Knospendes nicht dazu führen dürfe, vom rechten Weg abzukommen und es sei die Zeit, Triebe zurückzustutzen. Er fühle eine zunehmend, allzu flatterhafte Stimmung unter den Burgbewohnern. Aus diesem Grund werde es auch zum Ende der Woche wieder Schnee geben. Der Vogt nahm dies zum Anlass, uns gestern auf die Obstwiese zu schicken und dort kräftig zu Roden.

14. Tag des Märzen, Anno Domini 1310

Liebes Tagebuch,

der Bau des Ofens in der Gesindestube konnte abgeschlossen werden. Ein behagliches Feuer prasselt nun darin und die Knechte und Mägde strecken dankbar unsere Glieder der Wärme entgegen, wenn wir uns dort zu einem kleinen Plausch treffen. Hans kam auch dazu, löffelte eine Schüssel mit Surenkohl und meinte er, habe Hans und Jupp das erste mal wieder auf die Wiese gelassen. Die haben sich gefreut. Aber er meinte, dass er aufpassen müsse, dass sie nicht an die Bubbermullje gingen, die nun mit als erste im Frühling zu wachsen beginnen. Was dem Vogt jedoch mehr Sorgen bereitet, ist der nun mehr als mannshohe Misthaufen, der sich den Winter über angesammelt hat.

21. Tag des Märzen, Anno Domini 1310

Liebes Tagebuch,

Meister Sebastian hat die hölzerne Form für den Backofen gebracht und gemeinsam mit Jens und Konrad wurde gleich mit dem Mauern der Lehmziegelwände begonnen. Dann kam noch Baumeister Bruch hinzu und zu viert debattierten sie über Möglichkeiten, das Gewicht der beiden Gewölbedecken auf die Außenwände abzuleiten. Ich meine auch wieder etwas von Dachstühlen und Kathedralen gehört zu haben, kann mich aber auch irren, weil Hans (der Knecht, nicht der Esel) in der Schmiede nervös dengelte und sich gelegentlich einmischte. Ach ja, man hat schon fast den Duft der frisch gebackenen Pasteten in der Nase, wenn man sich den Ofen fertig vorstellt. Der Frühling macht so vieles möglich.

29. Tag des Märzen, Anno Domini 1310

Liebes Tagebuch,

eine freudige Nachricht erreichte heute unseren Herrn, der sogleich Baumeister, Vogt und Kaplan zu sich bestellte. Aus dem unteren Stockwerk vernahm ich, dass der Landgraf Gelder für den weiteren Ausbau der Burg bewilligt habe und so dringend notwendige Arbeiten an den Außenmauern weitergeführt werden können. Der Baumeister sprach, dass er nach gründlicher Planung mit den Arbeiten im nächsten Jahr beginnen könne, wenn alles gut gehe. Unser Herr überlegte, ob er sich vielleicht auch einen neuen Anstrich seiner Kemenate und der Kapelle gönnen solle. Aber das alles will wohl überlegt und geplant sein.

10. Tag des Wonnemanoth, Anno Domini 1310

Liebes Tagebuch,

das Frühlingsfest war schön. Es trafen sich die Schmiede, Bogenbauer, Schnitzer, Färbeweiber, Schuhmacher, Tänzer und Müßiggänger aus Nah und Fern zum gemeinsamen Werken und Wirken auf dem Dannenberg. Auch die Meister von Musica Vulgaris Ari, Henricus, Enzo und Domenikus trugen wie stets zum Gelingen des Festes bei und spielten neue sowie altbekannte Weisen auf Ihre eigene, so wundervolle Art.

Gleichzeitig hatten sie aber auch einen ernsthaften Auftrag. Denn es galt die Gruppe des Tanzemeisters Till und seiner Gemahlin Claudia musikalisch zu begleiten. Hierzu traf man sich am Nachmittag bei gutem Wetter auf dem Platz in der Vorburg. Ari blies seine Sackpfeife auf, um sie zu stimmen und schon zog sich der Himmel zu. Jemand rief, er solle rückwärts spielen und alle stimmten mit in das Lachen ein, womit die Wolken vertrieben werden konnten. Das bunte Treiben begann:

Ach Gemigge - ganz nach dem Motto des Tanzemeisters: „Wenn Du die Dame wieder auf ihren Platz bringst, wird sie außer Atem und schwindlig sein.“, bot Hans der Knecht (nicht der Esel) zu Beginn eine repräsentative, schreitende Pavane und gab sich hernach ausdrucksstark in zeitgenössischer Tradition, das tänzerische Thema im Dialog aus Frage und Antwort aufzubauen. Der freie Fuß wurde locker an den belasteten herangezogen. Dabei hoben sich leicht die Fersen beider Füße. Anschließend schwang der unbelastete Fuß herum und weiter zur nächsten Schrittkombination aus simple-simple-double, bei der sich die musikalische Einheit mit virtuoser Grazie vermählte. In der sich anschließenden „Pferde-Branles“, dem Reigentanze, als deren anführende Person er somit eine hervorgehobene Rolle bekleidete, galt es doch einem stolzen Rosse gleich auf der Stelle zu stampfen; verfiel er doch vielmehr in die artverwandte „Branles âne“ und einen Galopp bei seinem Platzwechsel an der Reihe entlang, mit einer eher für die „Allemande“ typisch lebhaften Tripla am Schluss. Der Dame war jedenfalls schwindlig, wie vom Tanzmeister vorhergesagt.

Am Abend trafen wir uns alle gemeinsam im großen Saal, um den Frühling gebührend zu feiern. Selbst ein Bruder aus Hersfeld, Markus, war der Einladung unseres Herrn gefolgt und der Kaplan überließ es ihm, das gemeinsame Tischgebet zu sprechen.

15. Tag des Brachet, Anno Domini 1310

Liebes Tagebuch,

gestern gab es feines Bohnengemues mit Speck und Zwiebeln angeschmort, dazu Tuchklöße und für jeden eine unwiderstehlich duftende, gebratene Wurst. Das war ein Festschmaus, zu dem wir bei Sonnenschein im Hofe zusammen kamen. Meister Sebastian sagte: „Senf gibt Hirn.“ und griff nach dem Dippchen. „Aber Senf ist nicht gleich Senf“, entgegnete Suse. „Es gibt ihn brennend scharf, mild oder süß, mit Kräutern, Gewürzen oder Früchten.“ Und Thorstein der Apotheker führte anschaulich aus, Senf fördere die Magensaftproduktion und den Speichelfluss und damit letztendlich die Verdauung. „Es mache Sinn, vor allem fette Speisen, wie eine Wurst mit viel Senf zu essen.“ und nahm Nachschlag. Deswegen sagte Georg unser Küchenmeister wohl auch, mit Senf ginge alles. Der Vogt meinte: „Ich habe ihn am liebsten fein gestoßen und mächtig scharf.“

Der Kaplan erhob sich schwer von seinem Sitz, blickte streng in die Runde und sprach: „Das Reich Gottes ist wie ein Senfkorn: wenn das gesät wird aufs Land, so ist's das kleinste unter allen Samenkörnern auf Erden; und wenn es gesät ist, so geht es auf und wird größer als alle Kräuter und treibt große Zweige, so dass die Vögel unter dem Himmel unter seinem Schatten wohnen können." – und Senf kann man überall dazu geben, dachte sich ein jeder.

10. Tag des Heuert, Anno Domini 1310

Liebes Tagebuch,

das Gerüst am Erbenstein am Südhang der Burg ist errichtet und mit einer handvoll Helfer geht es nun daran die Fugen an diesem halbfertigen Gebäude mit Mörtel erneut zu verfüllen. Die Arbeiten ruhten eine Weile, so dass nun einige Reparaturarbeiten von Nöten sind, um die Standsicherheit wieder herzustellen. Ich glaube unser Herr hat damit noch großes vor, von einem wehrhaften Lagerhaus auf insgesamt fünf Stockwerken ist die Rede.

15. Tag des Heuert, Anno Domini 1310

Liebes Tagebuch,

unser Herr kam nach einigen Tagen von einer Reise zurück und berichtete, dass er unterwegs einem großen Turnier beigewohnt habe. Mehr als drei Wochen habe dies angedauert und ist nun zu seinem Ende gekommen. Einem Vasallen aus Spanien, mit dem klangvollen Namen Vincente del Bosque, soll es gelungen sein, alle anderen auszustechen. Zuletzt sei er gegen einen Flamen angetreten, der sich aber ungebührlich verhalten habe. Statt sich der standesgemäßen Mittel zu bedienen, hat der Flame mit den Füssen getreten. Der Kaplan kommentierte dies als ungeheuerlich. Unser Herr meint, dass die Teilnahme an Turnieren eine große Menge an Geld erfordert. Bei der Bürde, die ihm das Stift in Hersfeld auferlege, käme dies jedoch nicht in Frage.

2. Tag des Ernting, Anno Domini 1310

Liebes Tagebuch,

kaum war das äußere Gewölbe des neuen Backofens fertig, gab es ein unglückliches Omen. Während des großen Unwetters am Mittwoch - als noch Wäschestücke und Strohballen vom Sturm durch den Hof gefegt wurden, rief der Baumeister laut gegen den Donner an:"Er wird einstürzen!", derweil ein Blitz seine Gestalt dramatisch flackern ließ!

Am nächsten Tag versammelten sich die besorgten Handwerker um das Bauwerk. Ein Riß hatte sich mitten im Scheitel des Gewölbes gebildet und klaffte ungut vor sich hin. "Das Holzgerüst muss schuld sein" rief der Lehmbauer. "Der Lehm ist zu mager gemischt" entrüstete sich der Zimmermeister, doch beide waren sich einig, dass auch die Eile schuld sein musste, in der sie zu bauen hatten. Was ist schon ein Jahr Bauzeit für einen Ofen? Bald standen auch der Vogt, der Kaplan und die meisten Knechte und Mägde dabei und aus dem Gewirr ihrer Stimmen konnte ich in der Türmerstube kein klares Wort mehr entnehmen.

Nur Burkhart der Schmied war in seiner Werkstatt, pfiff bei der Arbeit vergnügt vor sich hin und betätigte den Blasebalg "Fafnir", benannt nach dem sagenhaften Drachen. Der Kaplan bemerkte dies, wies mit dem Finger in die Schmiede und rief mit Donnerstimme:"Sicher gefällt dem Herrn dieser Blasebalg mit dem heidnischen Namen nicht. Unser täglich Brot soll an einem reinen und christlichen Ort gemacht werden. Der Ofen soll ein Bollwerk gegen den Aberglauben sein, ein heiliger Ort zur Ehre des Allerhöchsten!"

"Ein heiliger Ort" - der Baumeister nickte bedächtig und wies die Handwerker an, die Seitenwand des Ofens mit zwei massiven Strebepfeilern zu verstärken. Das habe bei der Elisabethkirche in Marburg auch geholfen.

Doch erst als der Kaplan Kerzen im Inneren des Ofens entzündete und ihn dem Heiligen Polykarp weihte, zerstreute sich die Menge der Burgbesatzung und alle gingen beruhigt wieder an ihre Arbeit.

Dem Allerhöchsten scheint es zu gefallen, denn der Riß tauchte bis heute nicht mehr auf. So wird der Ofen nun von der Kraft des Glaubens zusammengehalten. Möge sie niemals wanken - denn dann ist es vorbei mit dem frischen Brot!

20. Tag des Gilbhard, Anno Domini 1310

Liebes Tagebuch,

der Weinmonat begann im Sommer und endet im Winter. Das diesjährige große Fest war herrlich. Ein strahlend blauer Himmel ließ Menschen von nah und fern zum diesjährigen Markt kommen.

Ein weit gereister Scharfrichter ließ sich überzeugen, seine Axt im Karren zu lassen, da es an diesem Tag für ihn nichts zu tun gab. Allerorts schaute man in freundliche, gut gelaunte Gesichter. Der erste Mann des Magistrats ließ sich mit einem Lächeln bei der Markteröffnung darauf ein, angesichts des wahrhaft schlechten Wetters in den vergangen Jahren, nunmehr den Ausnahmezustand auszurufen. Nach der Abreibung im letzten Jahr, traute sich auch kein Abgesandter des Hersfelder Stifts her, um erneut zaghaft nach Steuern und Abgaben zu fragen. Der Duft von Gebratenem und Gesottenem überzog das gesamte Burgareal. Im Tal war ein Tavernenzelt und Tanzeplatz eingereicht, wo Tanzmeister Tillmann nebst Gemahlin die Kunst ihrer Schritte zeigten. Hans der Knecht stand im Wirtshaus hinter dem Tresen, an dem sich eine lange Schlange von Menschen gebildet hatte. Dort riss er gegen Mittag den Hahn am Bierfass auf und konnte ihn erst spät am Abend wieder schließen. Soviel Durst hatten die Leute. Angesichts dessen gab der Meister ein Lied zum Besten und er sang vergnügt: „Da gab es ein Getümmel und alles schrie nach Bier. Der Wirt, der wurde garstig und kassierte Schläg’ dafür!“ – kurz: die Stimmung war bis in den Abend hinein ungetrübt.

Und so ging es auch noch die nächsten Tage weiter. Die Sonne schien und der Wald schillerte in den prächtigsten Farben, so dass Konrad vor dieser herrlichen Kulisse schlicht blass aussah. Aber dann vor etwa einer Woche sahen wir wieder die Gänse am Himmel. Von meiner Warte aus, konnte ich sie gut beobachten, wie sie in Gruppen kamen und in Scharen Richtung Süden weiter zogen. Vorgestern scheinen die letzten ihre Reise angetreten zu haben. Hans der Knecht meinte, wenn die Gänse ziehen, kommt der Winter.

13. Tag des Nebelung, Anno Domini 1310

Liebes Tagebuch,

unser Baumeister Marcus Bruch rief zum Stelldichein und lockte mit der Aussicht den Kaplan zu belassen wo auch immer er gerade war, gemeinsam am vorgeheizten Ofen im Wirtshaus einige heiße und geistige Getränke zu nehmen, einen guten Happen zu essen und über Vergangenes und Kommendes zu schnuddeln. Es regnete Bindfäden vom dunkelgrauen Himmel, es pfiff um die Hausecken und die Einladung war verlockend. Hersfelder ließen sich bei dem Wetter eh nicht blicken und überhaupt würde niemand seinen Hund vor die Tür jagen. Ich schloss die Luke, griff im Laufen nach meinem Becher und eilte nach unten in den Hof, wo mich Hans der Knecht und Jens abfingen und mir eine Hippe in die Hand drückten. Mein fragender Blick schien zu deutlich, denn die beiden schauten bereits griesgrämig und bedeuteten mir ihnen zu folgen. Ich hätte beim Baumeister wegen der geistigen Getränke misstrauischer sein sollen, denn es war nicht einmal der Vormittag angebrochen. Es ging durch das Tor hinaus in den herrlichen Herbsttag, auf die Obstwiesen an die große Linde, um dort mal wieder kräftig zu roden. Wir machten uns ans Werk und als der Kaplan seinen gefälligen Blick vom Torhaus auf uns ruhen ließ, hörte auch der Regen auf.

Wir kamen gut voran und ließen neben den Obstbäumen auch noch einige schön gerade gewachsene Haselsträuche stehen. Im kommenden Frühjahr sollen diese für den Zaunbau auf dem Zwinger geschlagen werden.
Gegen Mittag kam erneut der Regen und spülte uns regelrecht vom Hang. Wir flohen in die Gesindestube, wo Thorstein uns ein Mahl bereitet hatte. Der Baumeister schien aber noch jemanden zu erwarten, denn das letzte Stück Kuchen in der Mitte des Tisches blieb unberührt. Kurz darauf erschien ein Herr aus Thüringisch Landen, der dem Baumeister eine Vertragsurkunde mitbrachte. Es wurde ein Handel besiegelt und unser Herr Ludwig erhielt Mann- und Burggeld, um den Dannenberg besser befestigen zu können. Das ist vor drei Jahren bereits schon einmal geschehen – ich verstehe das nicht, unsere Burg wird doch gegen Thüringen gebaut. Aus welchem Grund sollten sie dann Geld für den Bau geben? Sei’s drum – ich hatte meine Lektion für heute gelernt und behielt den Fremden misstrauisch im Auge.
Wir begaben uns nach dem Essen noch in den Burggarten, um dort die Mauerkrone frei zu schneiden, bis auch dort am späten Nachmittag ein neuerlicher Guss dem Tun ein Ende setzte. Durchnässt trotteten wir in den Burghof zurück. Und als schon niemand mehr dran glaubte, stand der Baumeister in der Tür zum Wirtshaus und fragte ungeduldig, wo wir denn blieben. Das Essen duftete herrlich. Die Wildhüter waren zurückgekehrt und es gab gebackene Sauschnitz mit Waldpilzen, knusprige Hähnchenkeulen mit Salzkräuterkruste, Kaasspatzen, gefüllte Egerlinge und Schmorwirsing mit Speck und Zwiebeln. Was für ein Schmaus und wir lachten bis in den späten Abend!

20. Tag des Nebelung, Anno Domini 1310

Liebes Tagebuch,

es ist die Zeit der Jagd und der Ruf der Hörner schallt durch die Wälder. Wenn die Stunde günstig ist, muss alles schnell gehen.

Vorgestern war der Mond voll und stand nach Einbruch der Dunkelheit am wolkenlosen Himmel. Der Vogt hatte Nachricht erhalten und er trommelte uns am Eingang zum Haselpfad zusammen. Dort erhielten wir jeder eine Fackel. Aufgeregt zogen wir hinab ins Tal und weiter Richtung Wald. Nach einem kurzen Marsch erblickten wir auf einer Lichtung ein Lagerfeuer, das Konrad dort entzündet hatte und bereits auf uns wartete. Wispernd berichtete er, dass er das Wild bereits aufgestöbert habe und wir nun nachschauen sollen, ob es noch vor Ort sei. Wir spannten die Bögen, pirschten uns heran und erblickten im silbrigen Mondlicht einen Keiler. Das Glück war uns hold, die Jagd ging schnell.

1. Tag des Julmond, Anno Domini 1310

Liebes Tagebuch,

"Haltet das Tor!" - dieser Ruf ließ mich heute morgen aus dem Bett fallen und zur hofwärtigen Luke eilen. Die Stimme des Vogts überschlug sich fast vor Erregung. Als ich mit zitternden Fingern den Laden auffummelte, zerstäubte eine Wolke feiner Schneeflocken vor meinen Augen und nahm mir eiskalt die Sicht. Dann sah ich ihn - in der einen Hand das Rufhorn, in der anderen einen Besen, Seite an Seite mit Torstein und Jürgen, ebenfalls mit schweren Besen bewaffnet. Eine Schneewehe blockierte das innere Tor und zog sich bis herunter zum Torhaus. Am Fuss der Burg bemerkte ich den Karren des Viktualienhändlers, der verzweifelt seinen gelben Hut schwang und die Faust gegen die schier unerschöpflichen Wolken schüttelte.

Erst gestern war Schäfer der Steinmetz mit seinem Karren am Burgberg gescheitert - die sehnlich erwarteten Steine für den Rahmen der Kellertüre mussten also weiter warten. Der Holzkarren am Nachmittag konnte zum Glück bis in den Burghof rollen. Uns allen ist der letzte Winter noch lebhaft im Gedächtnis, als wir den weissen Massen nicht mehr Herr wurden und die vielen Klafter Brennholz mit dem Handkarren in die Burg zerren mussten!

"Diese Jahr nicht!" schimpfte es derweil am Tor, während eine neuerliche Windböe den Kämpen die Kapuzen vom Kopf zerrte und ihre vom Frost eh schon feuerroten Ohren mit feinem Kristallpuder bedeckte. Obwohl mich ihr Schicksal dauerte, schloß ich die Luke zum Hof und besann mich meiner Pflicht Ausschau nach Feinden zu halten. Als ich aus der südlichen Luke spähte war dort alles ruhig - so gewissenhaft ich auch lauschen und schauen mochte.

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