Im Wirtshaus

Es war einmal...

Friedrich der Türmer

Friedrich der Türmer hat alles im Blick, was auf der Burg geschieht.

Er ist auf seinem hohen Wachposten jedoch manchmal ziemlich einsam, da sich selten jemand in sein Gemach im Dach des Wohnturms verirrt. Wenn er sich mal wieder langweilt, schreibt er in sein Tagebuch und berichtet von den Ereignissen auf der Burg, aus seiner ihm ganz eigenen Sicht ...

...das Tagebuch des Türmers

12. Tag des Jenner, Anno Domini 1309

Liebes Tagebuch,

ein neues Jahr – was soll ich sagen? Frohes Neues! Aber es beginnt doch letztlich wie das alte endete. Es ist frostig kalt wie seit Jahren nicht mehr. Die Kälte beißt richtig und die Innenseiten der wenigen Fenster sind mit Eis überzogen. Wenn man einen Raum betritt, schlägt man zunächst den direkten Weg zum nächsten Ofen oder Kohlebecken ein, um sich wieder Gefühl in die Glieder zu reiben. Der Herr Fornarius - so nennt sich Hans der Knecht ganz gerne - zieht täglich mit der hochbeladenen Kiepe voll Holz durch die Burg und schürt und stochert einen Ofen nach dem anderen. Dabei brummt er ständig. Ob dem Ganzen eine Melodie unterlegt ist, habe ich noch nicht raushören können.
Naja, jedenfalls birgt die zu erledigende Arbeit nichts Neues: nach Hersfeldern Ausschau halten, Holz schleppen, Esel misten, Großreinemachen, Pläne für das Jahr machen, Heu holen beim Bauern Heinrich. Der sagt im Übrigen, dass es zum Ende der Woche wieder milder werden soll. Bei Sonnenschein und blauem Himmel machte Jupp Bocksprünge wie ein junges Zicklein. Ich weiß nicht recht, ob ich das wirklich gut finden soll. Der gefrorene Boden wird weich und man versinkt bis oberhalb des Schnürriemens im Dreck.

Aber die Zeit zwischen den Jahren fühlt sich doch etwas anders an. Das Weihnachtsfest war lustig und voll, es kamen sehr viele Menschen zu Besuch. Der Vogt eilte hin und her, um alle im Namen unseres Herrn zu begrüßen und zu vermahnen, das Bier floss reichlich, die Musiker aus Suntrara drehten mit Meister Enzo an der Trum wieder so richtig auf, dass die Drehleier beinah qualmte, Ari blies beide Backen auf und Frau Fischbuch erzählte das Neuste.
Der Jahreswechsel selbst war still und eisig und von der Burgbesatzung war nur eine Handvoll auf den Beinen. Wir machten im Fackelschein eine Wanderung durch die Nacht. Und bei sternenklarem Himmel tauchte der Mond alles in einen ungesehenen Silberglanz.

 

31. Tag des Jenner, Anno Domini 1309

Liebes Tagebuch,

der Winter hat uns fest im Griff. Es fallen immer wieder kleinere Mengen Schnee und wenn es mal tagsüber beginnt zu Tauen, friert es nachts bei sternenklarem Himmel und leichtem Frost gerade so wieder zu einer eisigen, harten Oberfläche. Der Platz in der Vorburg ist unter einer spiegelglatten geschlossen Eisfläche begraben. Und letztens wurde nochmal alles mit einer leichten Puderschneedecke überzogen. War das ein Gefluche und Geschimpfe. Knecht Thorstein kam mit einem Karren und etwas zu viel Schwung auf den Platz und schlitterte unaufhaltsam dem Hang zur Obstwiese entgegen. Glücklicherweise kam er gerade noch so am Haak zum Stehen. Auch Konrad kam von einem Rundgang über den Eselsteig aus dem Tal auf den Vorplatz und lag ungewollt lang im Schnee. Hans, der Knecht nicht der Esel, erging es auch nicht besser, als er des Morgens mit zwei Eimern voll mit Wasser den Torweg zum Stall hinuntereilte, ihm die Füße wegglitten und er mit den Beinen in der Luft hart auf dem Rücken aufschlug. Die Esel wollten trotzdem Wasser.

Auch das Schlagapfelspiel birgt das eine oder andere Risiko. Denn bei dem nicht ganz so bitteren Frost, friert der Schlagapfel nicht immer zur Gänze zu einer geeigneten harten Kugel. Dies stellte der Vogt jedenfalls fest, als er einen vom Kaplan in eleganter fließender Bewegung, in wundervollem Bogen geworfenen Ball mit dem Schlagholz gar meisterlich und mit voller Wucht traf, er aber nicht wie gehofft über die Abgrenzung des Spielfeldes hinaus flog, sondern in unzähligen Teilen zerbarst. Verletzt wurde niemand, aber für diesen Tag war das Spiel vorbei und es war ziemliches Gerenne auf dem Zwinger.

2. Tag des Hornung, Anno Domini 1309

Liebes Tagebuch,

was für ein harter Winter und es schneit schon wieder!

13. Tag des Hornung, Anno Domini 1309

Liebes Tagebuch,

es schneit nicht. Aber ich meine es reicht trotzdem mit dem Winter. Hans und Jupp sehnen sich den Frühling herbei. Endlich wieder auf einer Wiese laufen, grasen und bocken.

Der Kaplan macht sich rar. Die Kellermeisterin lässt sich auch nicht mehr blicken. Torstein hat sich ein Loch in seinen Filzschuh gelaufen, das nun von Suse geflickt werden soll. Sie hat sich bei dem kalten Winter kurzerhand zwei Säcke mit Schafswolle besorgt und mit dem Filzen begonnen, um dem Wetter zu trotzen. Hans und Konrad mühen sich mit dem Holz für die Öfen.

Zu allem Verdruss hat das Erdreich an einer Stelle nachgegeben, so dass ein großer Teil des letzten Holzstapels umkippte und sich am Hang verteilte. Fluchend beschlossen die beiden, dass nun Schluss sei mit dem Winter. Sie rollten ihre Beinlinge herab, drohten den Wolken mit der Faust und riefen laut: „Es ist gar nicht mehr kalt!“. Der Kaplan nannte sie Protestanten. Der Frühling kann nicht mehr ferne sein.

21. Tag des Hornung, Anno Domini 1309

Liebes Tagebuch,

die ersten Vögel singen wieder und vereinzelt treiben die Bäume Knospen. Gestern konnte ich auch hören, wie die Gänse hoch oben riefen und verkündeten, von ihrer Reise aus dem Süden wohlbehalten zurückzukehren. Frühling komm!

4. Tag im Märzen, Anno Domini 1309

Liebes Tagebuch,

grüne Triebe stecken nun schon neugierig ihre Köpfe aus dem Steintrog vor der Vogtei, der dort an der Stelle steht wo der alte Pranger einst gestanden haben soll.

Der Vogt ist praktischer veranlagt: nur eine kleine, bitzsaubere Schandgeige hängt neben seiner Tür, statt solch eines wuchtigen Reliktes aus alter Zeit, verkrustet von faulem Obst und Gemüse.

Nun ja, ein Schreinermeister aus Rotenburg konnte diese spärlichen Mittel nicht mit ansehen und stiftete im vergangenen Jahr einen neuen Pranger, wuchtig wie ein Beichtstuhl und aus Eiche gemacht. Doch statt der unartigen Burgbewohner sieht man vielmehr die Gäste der Burg darin stecken - freiwillig! Sie lachen laut dabei und amüsieren sich köstlich. Manchesmal habe ich schon daran gedacht, in meiner Türmerstube einen Vorrat fauler Kohlköpfe bereitzuhalten, um im richtigen Moment den Ernst der Sache mit einem gezielten Wurf zu unterstreichen! Allein ich weiss nicht, welchen Schaden der Aufprall von 3 Pfund Gemüse aus dem Dachfenster drunten im Burghof anrichten würde, so lasse ich es lieber bleiben. Bevor ich nachher noch selbst in dem Ding stecke!

6. Tag im Märzen, Anno Domini 1309

Liebes Tagebuch,

heute wurden Steine gefahren. Baumeister Stein aus Nendershusen hat eine ordentliche Menge davon gestiftet.

10. Tag im Märzen, Anno Domini 1309

Liebes Tagebuch,

das gibt Ärger für Konrad den Knecht! Doch ich will von Anfang an berichten: Eine verspätete Leinenhändlerin war im Dezember auf der Burg, ganz ausser sich, dass der Markt schon seit Monaten vorbei war. Vielleicht um sie zu trösten, kauften der Vogt und der Kaplan grobes Leinen für das Gesinde, mittelfeines Leinen für die herrschaftliche Tafel und die Kapelle, sowie einen Ballen feinstes Leinen für die Herrin. Konrad wurde beauftragt die Stoffe ins Lager zu schaffen.

Zufällig hörte ich neulich, wie Konrad erzählte, dass er etwas Stoff abgezweigt habe, für ein neues Hemd. Schließlich könne man im Frühling ja nicht wie ein Herbstwald eingefärbt daherkommen. Auch sein Stand habe ein Recht auf Mode! Das erinnerte mich gleich an seine roten Hosen im letzten Frühjahr und den nachfolgenden Kleidererlass des Burgvogts. Auch der Kaplan hatte am Sonntag danach an seinem leuchtendgrünen Messgewand herumgefingert und die eitle Farbenpracht fast wortgewaltig verurteilt, während sein Blick träge über die Versammelten glitt.

Gestern wurde nun das Lager inspiziert und auch eine Wagenladung Geraffel aussortiert und auf die Halde geschüttet. Dabei fiel auf dass der Ballen feinstes Leinen verschwunden ist. Nun sitze ich Tag für Tag hier oben, warte auf den Frühling und Konrads neues Hemd, dass er sicher nichtsahnend vorführen wird. Vermutlich wird ihm der Vogt dazu gleich einen neuen Kragen spendieren: aus schwerer Eiche und mit Eisen beschlagen!

15. Tag im Märzen, Anno Domini 1309

Liebes Tagebuch,

Hessens Großherold Herr Reinhard vom Schall war heute zu Gast auf der Burg. Seltsamerweise schien er sich für das Leben der Burgbesatzung zu interessieren... was daran besonders sein soll!

Fast hätte es ein Unglück gegeben, da Konrad bei seiner Ankunft gerade mit Gunthers Bogen übte und sein Pfeil dem Herrn vom Schall in den Hut fuhr! Uns hingegen fuhr der Schreck mächtig in die Knie, doch der weitgereiste, weltgewandte Herr ließ sich nicht erschüttern, auch nicht als ausgerechnet Hans der Knecht ihn auf der Burg herumführte. Dieser hatte sich den Eselgeruch fast vom Körper geschrubbt und glänzte stellenweise wie ein polierter Apfel. Auch seine beste gelbe Sonntagskotte hatte er an, Zwiebeldampf-gefärbt wie Konrad lästerte, denn am Hintern wäre sie dunkler als am Kragen.

Da wir noch in der Fastenzeit sind, sollte die abendliche Mahlzeit spärlich ausfallen. Doch Agnes brachte Wurst, Schinken, Butter und Eier, Schmalz und fetten Käse und sagte zwinkernd, dass die frommen Brüder im Hersfelder Stift schließlich erprobt im gottgefälligen Werk seien und nicht anders fasteten.

15. Tag im Ostermanoth, Anno Domini 1309

Liebes Tagebuch,

nicht genug damit, dass Meister Burkhardt an einem Sonntag meint die Esse einheizen und dengeln zu müssen – nein, der Schmied trägt am Ostersonntag offen über seinem Hemd den Thorshammer. In dem morgendlichen Sonnenlicht blitzte er kurz auf, so dass Konrad sich geblendet die Augen rieb. Der Kaplan war glücklicherweise nicht zugegen, sonst hätte es sicherlich ein christliches Donnerwetter gegeben. Denn solcherlei Zeichen duldet er nicht.

Tags drauf meinte Konrad, er habe gespürt wie just in diesem Augenblick ein Windstoß durch den Hof ging. Jens berichtete leise, dass an der Gelster in den immerschattigen Seitentälern ebenfalls vereinzelt noch Menschen hausten, die sich mit dem alten Glauben abgeben, aber über Sehschwächen wisse er nichts – die Magd Silvia hieß ihn zu schweigen und Jens drehte schnell seinen Rosenkranz weiter. Hans der Knecht machte sich Gedanken, ob der Wind vielleicht in der unmittelbaren Umgebung von Konrad seinen Ursprung hatte und er wegen des kalten Rosenkohls vom Vortag nichts mehr sehen konnte.

20. Tag im Ostermanoth, Anno Domini 1309

Liebes Tagebuch,

das Geflecht in der Wand zwischen der Schmiede und dem entstehenden Backhaus ist fertig mit Lehm verputzt. Tagelang wurde Stroh klein gehackt und mit Eimern der Lehm an die Baustelle geschleppt – mal von Hans dem Knecht, dann von den Knechten Jens und Hans und schließlich von Konrad. Allein die Esel Hans und Jupp dachten gar nicht daran sich die schweren Eimer aufbürden zu lassen, wehrten sich gegen das Gewicht und verweigerten jeden Schritt. Aber von Agnes ließ Jupp sich führen, als es darum ging zwei Körbe mit Stroh für den Garten in die Burg zu tragen. Die Augen der Knechte waren groß, als sie dies sahen.

Heute jedenfalls hat Hans hinter dem Schornstein die letzte Ecke verputzt. In einem Augenblick, als er sich unbeobachtet fühlte, ging er in die Küche und brachte zwei Eimer mit warmem Wasser heraus und mischte damit seinen Lehmputz. Auch der Baumeister war vor Ort und heizte zunächst einmal die Esse ein, um eine Verputzkelle zu schmieden. Nach einer geraumen Weile energischen Dengelns und mehreren Ausrufen „Jetzt aber!“, ließ er das Werkstück wohl eine Weile zu lange in der Glut, denn plötzlich prasselte und glitzerte es in der Schmiede, wie von einer Wunderkerze.

4. Tag im Wonnemanoth, Anno Domini 1309

Liebes Tagebuch,

wenn einer eine Reise tut … - Konrad und Suse erhielten vor zwei Tagen vom Vogt den Auftrag sich von der Kellermeisterin ein kleines Fass von „Hans Fettnapfs Große Reserve“ aushändigen zu lassen und es der Hasel folgend zum Magistrat nach Suntrara zu bringen. Sie nahmen einen falschen Abzweig und liefen bis zum nächsten Weiler namens Wichmannshausen. Vom Feuerschein angezogen landeten sie auf einem Curtis. Just an diesem Abend herrschte dort Musik und Tanz.

Als Erste trafen sie Frau Fischbuch, die ihnen gleich das Neueste erzählte. Sie und ihr Schwager Ari, Meister Enzo, Svenson, Kai und Weib Dagmar seien alle 40 geworden feierten nun ihren 240. Geburtstag – hätte der Bierkutscher vom Kloster Eschwege zusammengerechnet. Der Abend nahm seinen Lauf: vergangene Tage, glorreiche Schlachten der Normannen und des Franco-Flämischen Heeres wurden besungen. Es soll sogar einen Teppich mit vielen geknüpften Bildern zu einer solchen Unternehmung auf der anderen Seite vom Nordmeer geben. Lieder über Gesichts- und Beinhaar heizten die Stimmung weiter an und alles endete in einem hundertstimmigen Chor: „Wein, Weib und Gesang! Und das ein Leben lang! Wenn das nicht mehr wär’, ich armer Tor, dann wär’ mir Angst und bang.“

Mitten in der Nacht drängte Suse dann zum Aufbruch – das Fässchen mit dem Met war jedoch nicht mehr aufzufinden. Und so kehrten sie kurz vor Sonnenaufgang mit einem letzten unverständlichen Lied auf den Lippen auf den Tannenberg zurück.

12. Tag im Wonnemanoth, Anno Domini 1309

Liebes Tagebuch,

drei Tage währte das Treffen der Handwerker auf der Burg: Schmiede, Färber & innen, Bogner, Feinschnitzer und müßiges Volk gaben sich die Ehre zum alljährlichen Frühlingsfest.

Am zweiten Tag waren die Tanzmeister Tillmann und Claudia da, um die Anwesenden in der Art der feinen, taktvollen Bewegung zur Musik der Spielleute aus Suntrara zu unterweisen. Nach dem Festessen am Abend kämpfte selbst der Kaplan im höfischen Reigenknäuel rund um die Pfeiler des großen Saales, schwenkte die Damen, trippelte und hofierte, stolzierte einher, wie es der Löwe auf dem Wappen unseres Landesherren nicht besser vermag und rang die Arme verständnislos, wenn er wieder den Anschluss verpasste.

Der eitelste Knecht unserer Landgrafschaft erlebte übrigens sein blaues Wunder. So hatte er doch geplant mit einer neuen, blitzeblauen Kotte zum Tanz zu erscheinen und diese den Färberinnen gegeben, damit sie sie ordentlich zum leuchten brachten. Das Ergebnis war jedoch niederschmetternd: die Farbe ähnelt eher der Unterseite eines sauren Herings an einem heissen Sommertag.

21. Tag im Brachet, Anno Domini 1309

Liebes Tagebuch,

heute hörte ich von einem Traum den Konrad den anderen berichtete. Er erzählte, dass die anderen Knechte und alte Kumpane ihn eines Morgens aus seiner Kammer geschleift und auf einen Esel gebunden haben, woraufhin es hopp-hopp bis zur Werra ging, die an diesem grauen Morgen rasch dahinfloss. Dort musste er in einen wackeligen Kahn steigen und stundenlang dem Übermut und zahlreichen tiefhängenen Ästen trotzen, die ihn ins Wasser reissen wollten.

Dann stand er plötzlich in der Burgkapelle und streifte seiner Suse einen kostbaren Ring über. Suse sah wunderschön aus in einem prächtigen Kleid und auch Konrad hatte sich alle Mühe gegeben. Mit einem Mal standen sie auf einer weiten, grünen Wiese über der Burg und zahlreiche Menschen waren dazu gekommen und freuten sich. Dann zogen mächtige Regenwolken auf und ergossen ihren Inhalt über die Festgesellschaft, woraufhin alle flohen, dass es nur so spritzte. Doch es blieb ein herzförmiger Abdruck im Gras wo sie gestanden hatten...

Ein rauschendes Fest wurde abgehalten und alle waren gekommen, um die durchgebogenen Tafeln leerzuschmausen und die Fässer zu leeren, die die Kellermeystrin in den Saal rollte - und das freiwillig und eilfertig - was für ein Traum! Bis in die tiefe Nacht wärmte Gelächter und Musik das Gemäuer und am Morgen rieben sich alle die Augen und staunten nicht schlecht, wie Konrad und Suse miteinander über den Burghof schritten, als sei alles wahr gewesen.

9. Tag im Heuert, Anno Domini 1309

Liebes Tagebuch,

ein Blick auf das Datum des letzten Eintrags lässt mir bewusst werden, wie rasch die Zeit verstreicht. Die Heuernte ist bereits eingebracht – Hans und Thorstein wurden dabei von Bauer Heinrich in entlegene Seitentäler gebracht, von denen sie mit roten Köpfen ganz aufgeregt berichteten.

Konrad hat Suse tatsächlich geheiratet – was ich aber bereits seit geraumer Zeit ahnte. Frau Fischbuch stattete uns am vergangenen Sonntag mal wieder einen Besuch ab und berichtete über einen Troß von Suntrara aus in die weit entfernte Normandie im Frankenland. Natürlich sind Henricus, Ari und Meister Enzo ebenfalls mit von der Partie und werden die sicherlich Monate dauernde Reise mit unaufhörlichem Spiel musikalisch begleiten.

Auch Baumeister Marcus entdeckt alte Fähigkeiten neu und steckte unlängst bis zum Hals in der Zisterne, um die Steine neu auszufugen. Und unser Herr plant schon wieder seinen Urlaub, den er dringend nötig hat. Er scheucht zunehmend Kaplan, Vogt und Kellermeisterin durch die Etagen der Burg, um dies und jenes zu prüfen und zusammenzutragen, damit nichts daneben geht, während er verreist ist.

Den Blick von meiner hohen Warte aus auf dem satten Grün der schönen Wälder ruhen lassend, vermag ich dem schnellen Treiben weiter unten jedoch nichts Verlockendes abzugewinnen. Also bleibe ich einfach wo ich bin. So streicht der Sommer dahin – leicht und unbeschwert.

19. Tag im Heuert, Anno Domini 1309

Liebes Tagebuch,

Die neue Töpferscheibe hat nun ihren Platz gefunden. Sivia und Torstein versuchen der Weisung des Herrn nachzukommen, dass unsere Burg sich mehr und mehr selbst versorgen soll, auch um unabhängig zu werden von den teuren Tonwaren aus dem Westerwald und Siegburg, obwohl es doch sehr feine Krüge und Kannen sind. Zu fein vielleicht für die groben Hände der Burgbewohner, denn bei den Mahlzeiten oder beim Abspülen hört man es zu oft irgendwo krachen und bersten, sodaß der Vogt bedrohlich die Augenbrauen hochzieht und den starren Blick bekommt.

So traten die Beiden also Stund um Stund die Fußscheibe, dass der Ton nur so spritzte. Was sich zwischen ihren Händen formte sah anfangs - nun ja - immerhin nicht ganz unförmig aus und mit vielen verzeifelten Rufen und Flüchen standen am Abend tatsächlich zwei sauber gedrehte und verzierte Schalen auf dem Brett zum trocknen.

Doch sie müssen sich wohl mehr beeilen, denn an diesem Tage gingen allein zwei kleine Becher, ein Humpen, drei Breischalen und ein Nachtgeschirr im Handgemenge des Burgalltags zu Bruch...

31. Tag im Heuert, Anno Domini 1309

Liebes Tagebuch,

da haben wir am vergangenen Samstag einzig zum Abschied unseres Herrn ein Fest veranstaltet und das Dorf hierzu eingeladen; wir haben bunte Wimpel aufgehangen, Musiker spielten auf, ein Turnier für die Kinder wurde veranstaltet, im Rahmen dessen sie ihre Geschicklichkeit und Ausdauer unter Beweis stellen konnten und auch noch Preise für den Sieger ausgelobt; die Menschen vergnügten sich mit Bratwurst und anderem Gesottenem, vertrieben sich die Zeit beim Eselroulette und mit anderem Müßiggang bis in die Nacht hinein.

Aber der Herr ließ sich einfach nicht blicken. Vielleicht lag es an seiner zunehmend schlechten Laune, dass just an dem Tag seiner Abreise immer wieder starke Regenschauer niedergingen und der Himmel mit bleischweren Wolken einen fröhlichen Ritt in die Sonne aussichtslos erscheinen ließ. So blieb er eben in seiner Kemenate. Am Abend beruhigte sich dann das Wetter und am nächsten Tag schien dann wieder die Sonne, was unser Herr sodann zum Anlass nahm, seine geplante Reise doch noch anzutreten.

Das Fest nahm man auch zum Anlass einen festen Handelsposten auf der Burg einzuweihen. Hans der Knecht hatte in den letzten Wochen mit viel gutem Holz aus der Sägemühle der Gebrüder Bentzien die ehemalige Kehrichtkammer in der Vogtei in ein feines Kontor verwandelt. Vor allem der Überschuss aus der Produktion der Burgwerkstätten soll dort dem Volk zum Verkauf angeboten werden, um den Inhalt der ständig leeren Burgschatulle zu mehren.

9. Tag im Ernting, Anno Domini 1309

Liebes Tagebuch,

endlich hat der Bau des großen Backofens im Hof begonnen, es wurde ja auch wirklich Zeit! Jens und Silvia vom Gelstertal legten den Grundstein und der Sockel ist in diesen Tage fertig geworden. Die Lehmsteine liegen schon auf einem Haufen bereit, um später das Gewölbe des Backraums zu bilden.

Doch die Phantasie geht langsam mit den Knechten und Mägden durch: dass eine gemütliche Sitzbank an der Ofenseite angebaut ist mag ja noch durchgehen, doch unlängst wurde von einer Schlafstatt auf dem Ofen geschwärmt und ebenfalls beheizten, gemauerten Fächern, die heisse Getränke aufnehmen sollen, sowie einem Badebecken mit Fußbodenheizung! Dann fiel das Wort: Wohnofen!! Aber das wäre dann wohl doch etwas däkadennt...

1. Tag im Scheiding, Anno Domini 1309

Liebes Tagebuch,

Hans hat gestern wieder die erste Ladung Brennholz in die Burg geschafft und aus der Küche duftet es wie verrückt nach frischem Flammkuchen, dick mit Rahm bestrichen und Schinken darüber gestreut, mit fein geschmolzenem Käse. Aber letztlich bedeutet dies nur eins: der Sommer ist vorüber.

25. Tag im Scheiding, Anno Domini 1309

Liebes Tagebuch,

es ist bald wieder Markt! Die Burg summt wie ein Bienenstock - Vogt, Baumeister und Kaplan stehen ständig beisammen, Nicken, Schütteln und Wiegen abwechselnd die Köpfe, sprechen mit Herolden und anderen Berittenen, um die Kunde über das Land zu verbreiten. Aber auch die Knechte und Mägde haben allerhand Dinge zu verrichten: Tische werden gerückt, Hof und Plätze gefegt, die Weiden geschnitten, Holzlager aufgefüllt, Stände sind zu planen, zusätzliche Aborte zu beschaffen und die Wiesen für das große Lager zu richten. Auch aus der Küche dringt aufgeregtes Schwatzen von der Kellermeisterin und dem Küchenmeister, die das herannahende Volk wohl zu verköstigen haben. Zuguterletzt sind noch die Wetterprognosen von Bauer Heinrich gegen jene des Kaplans abzuwägen. Und das alles neben den Arbeiten an der inneren Ringmauer zwischen Eselstall und Torhaus – wie kann das nur gut gehen?

8. Tag im Gilbhard, Anno Domini 1309

Liebes Tagebuch,

es war wieder Markt. Zahlreiche Händler boten ihre Waren feil – hatten Gedengeltes, Geschnitztes, Gewalktes und Gebranntes in Form von Kisten, Tüchern, Keramik, flüssigen und festen Spezereyen, Schuhen, Filzwaren und noch so vielen anderen schöne Dingen. Viele Freunde waren wieder gekommen, die man das ganze Jahr über nicht gesehen hatte.

In der Schmiede glühte häufig nur eins – und das waren die Wangen des Schmieds, der sich am köstlichen Biere labte. Und nach dem Eklat aus dem vergangenen Jahr gab es im Wilhelmstal für manche Stammgäste in Fischbuchs Pinte nur Apfelsaft zu trinken. Knecht Daniel setzte dies gegen anfängliches Gemurre mit harter Hand durch. Aber das tat der Gemütlichkeit keinen Abbruch.
Am Tag des Herrn gaben dann auch noch andere ihr Stelldichein – der Markt wurde … ich meine, sollte feierlich von Meister Ralf Hilmes, dem ersten Mann des Dorfes gemeinsam mit Herold Holger und ein wenig Getöse von Musica Vulgaris eröffnet werden. Es regnete in Strömen. Und als wär’s nicht genug, kam ein feister Abgesandter aus dem Hersfelder Stift dazwischen, um Abgaben einzutreiben. Er hatte den üblen Ritter zu Buchenau mit einer Gruppe weiterer Raufbolde in seinem Gefolge. Es wurde laut gezetert über die mangelnde Moral hinsichtlich fälliger Zahlungen, woraufhin der Kaplan (erstaunlich gewandt) das Wort ergriff und den baufälligen Zustand der Aborterker beklagte. Die Kräutnerin mischte sich ein, sprach über weiße, weiche Leiber, und es folgten Rede und Gegenrede, bis der Ritter zu Buchenau drohend den Bau einer Trutzburg ankündigte. Da pochte Hilfswächter Gesäß die Ader an der Schläfe und er schlug dem Ritter einen (von den guten) Bechern über den Helm. Eine mächtige Keilerei entstand. Weiteres Geschirr ging zu Bruch. Die Stimmung heizte sich auf  – oben auf der Bühne leisteten sich die Geistlichen einen verbalen Schlagabtausch, während unten auf dem Platz die beiden Gerüsteten in ihrer Rauferei immer wieder ineinander schepperten. Es schien zunächst ein ungleicher Kampf zwischen dem Ritter und dem Hilfswächter, denn der Tritt ins Gemächt kam sehr überraschend. Das Ergebnis des Gottesurteils schien sich abzuzeichnen. Aber der Beistand des Allerhöchsten kam zu rechten Zeit, so dass nach einer Folge geschickter Finten und gezielter Hiebe am Ende doch der Ritter zu Buchenau bäuchlings im Dreck lag. Das was folgte, schien dann aber wiederum allen recht zu sein: Hilfswächter Gesäß half dem Ritter zu Buchenau auf die Beine, der Kaplan hakte den Abgesandten unter und gemeinsam mit Meister Hilmes, Herold und Musikanten zog man gut gelaunt Richtung Wirtshaus. Der Tag nahm einen friedlichen Verlauf und keiner dachte mehr an Steuern und Abgaben.

Am nächsten Morgen fand man den Abgesandten im Keller, zusammengerollt unter einem Tisch mit einem leeren Krug im Arm. Freundlich aber bestimmt bugsierte die Kellermeisterin ihn aus dem Tor, gab ihm zum Abschied noch ein paar gute Worte, ihr schönes Lachen und einen Klaps auf Schulter mit auf den Weg. Allein und unverrichteter Dinge trottete er Richtung Hersfeld von dannen(-berg).

2. Tag im Julmond, Anno Domini 1309

Liebes Tagebuch,

es ist richtig kalt geworden. In den vergangenen Tagen herrschten noch milde Temperaturen, aber heute ist der erste Tag, an dem man richtig friert.
Die Arbeiten an der Nordwestspitze der Kernburg, unterhalb des Steinernen Hauses gehen gut voran. Es wurde viel Erdreich abgetragen, um die Mauern der Kernburg steiler und höher aufragen zu lassen. Das wirkt den Hersfeldern gegenüber trutziger, damit sie gleich wissen, woran sie sind, wenn sie mit den Buchenauern im Schlepp das nächste mal hier auftauchen.

Der Herbst bringt es mit sich, dass die Reisenden und Wanderer auch weniger werden. Der erste Advent ist bereits vorüber. Und wir bereiten uns auf den nahenden Winter vor. 

8. Tag im Julmond, Anno Domini 1309

Liebes Tagebuch,

drüben auf der alten Schanze tut sich etwas! Ab und an hört man das Geräusch von Sägen und ein Krachen als ob Bäume fielen, auch Erdarbeiten meine ich zu vernehmen. Abends erzählt man sich jetzt wieder von der Verschlagenheit der Ritter zu Buchenau, während der Schein des Feuers die Gesichter rot färbt. Wenn der Herr bloß hier wäre, um nach dem Rechten zu sehen...

14. Tag im Julmond, Anno Domini 1309

Liebes Tagebuch,

Hurra, es hat wieder das erste Mal geschneit. Und frostig ist’s, das will ich wohl meinen. So kam es dann auch, dass sich die Burgbesatzung gestern Nachmittag im Wirtshaus um den bullernden Ofen drängte und gemeinsam den dritten Advent feierte. Auch der Bogenbaumeister Michael mit seiner Gefährtin Julia fand den Weg. Es gab Kuchen, Huddseln, heiße Getränke und Geschnuddel. Wir plauderten über das fast vergangene Jahr und schmiedeten schon Pläne für das neue.

Der Vogt hat zugestimmt, dass nun in der Gesindestube ein Grundofen gebaut werden kann, so dass die Knechte und Mägde an kühlen Tagen einen Ort haben, an dem sie sich aufwärmen können. Jetzt beginnt auch die Zeit, um im Niederwald die Ruten von Weiden, der Hasel und dem Roten Hartriegel zu schneiden, um sie im Frühjahr dann zu Körben flechten zu können, Birkenreiser für Besen kommen auch noch hinzu. Es sollen Leinen und Wolltuche gekauft werden, damit die Knechte und Mägde gelegentlich für ein von der Arbeit zerschlissenes Hemd ein neues erhalten.

Dann kamen auch noch Frau Fischbuch und Henricus und machten die Runde komplett. Frau Fischbuch berichtete das Neueste, denn sie hatte schon Kunde von einem Boten erhalten, dass eine große Gefolgschaft des Franco-Flämischen Contingentes durch unser Gebiet ziehe und in wenigen Tagen hier eintreffen werde, um Rat zu halten und der Geburt des Herrn Jesus zu gedenken. Gut, dass Frau Fischbuch solche Dinge weiß. Denn der Vogt und unser Herr hätten sicherlich Augen gemacht, stünde plötzlich das Contingent mit wehendem Banner unangemeldet vor dem Tor.

30. Tag im Julmond, Anno Domini 1309

Liebes Tagebuch,

das Jahr ist so gut wie rum. Herrschaftszeiten verstreicht die Zeit schnell. Heute beginnen die Vorbereitungen für das Fest zum Jahreswechsel. Es haben sich wieder eine Menge Gäste angesagt und der Küchenmeister dreht wie ein Dullerdopp durch die Lager, um die vielen hungrigen Bäuche zufrieden stellend füllen zu können. Es gibt Mustenwecken, Reh, Hühnchen, Storzenieren, Strünckchen, Gerupften, Fleischtarten, Süßspeise aus italienischen Landen und noch so vieles mehr, was vom Weihnachtsmahl übrig geblieben ist, dass sich die Tafelbretter kaum mehr zu zweit heben lassen, um sie aufzutragen.

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