

Friedrich der Türmer hat alles im Blick, was auf der Burg geschieht.
Er ist auf seinem hohen Wachposten jedoch manchmal ziemlich einsam, da sich selten jemand in sein Gemach im Dach des Wohnturms verirrt. Wenn er sich mal wieder langweilt, schreibt er in sein Tagebuch und berichtet von den Ereignissen auf der Burg, aus seiner ihm ganz eigenen Sicht ...
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Liebes Tagebuch,
das Weihnachtsfest war bunt, laut und schnell wieder vorbei. Alle
wurden vom weihnachtsgeistbeseelten Vogt mit ausgiebigem Schulterklopfen
und reichlich Worten beschenkt. Der Küchenmeister war mit einem
neuen und ebenso rotem Gewand wie der Vogt herausgeputzt, mit einer
Zierborte, von der ich meine, sie zuvor am Gewand des Vogtes gesehen
zu haben. Jedenfalls sah ich ihn am Heiligen Abend im Eingang vor
der Küchentür mit dem Würfelbecher in der Hand beim
Vogt stehen. Der Vogt war sichtlich bemüht eine leise Unterhaltung
zu führen, mahnte ständig zum Flüstern, so dass ich
nicht hören konnte, was sie sprachen. Der Koch winkte jedoch
stets ab und schüttelte nur den Kopf.
Der Bogner Gunther hat
im übrigen auch einen neuen Gürtel ... Der Herr selbst,
ließ sich nur selten blicken. So fand er sich auch nur kurz
an der langen Tafel der Burgbesatzung in den Vorratsräumen
im Keller zum jährlichen, nachweihnachtlichen Restevertilgen
ein. Aber alle waren fröhlich – die Musikanten aus Suntrara
oder so, (das liegt irgendwo am Unterlauf der Hasel, sagt Meister
Gunther) drehten richtig auf und spielten manch fast vergessenes
Lied auf mitreißende Weise. Sie bliesen die Säcke, zupften
die Laute und Enzo, der Kummervolle, schlug so kräftig die
Trommel, dass mir richtig das Bein zu wippen begann und mir fast
bis unters Kinn schlug. Die Kräutnerin sang zusammen mit dem
Baumeister aus vollem Hals, was den Apotheker dazu anstachelte sich
nach mehrmaligem Umschauen sein braunes Dünnbier mit einem
halben Pinnchen Met zu versetzen und übermütig ins Gespräch
mit der Senfnerin zu verfallen. Der Kaplan hatte von der Kellermeisterin
den Auftrag bekommen, gemeinsam mit dem Knecht Hans am hinteren
Ende des Kellers die Getränkeausgabe aus den Fässern zu
verrichten und darüber zu wachen. Hans kam direkt vom Stall
ins Wirtshaus, wurde jedoch gleich wieder mit lautem Gezeter weggeschickt,
er solle sich eine saubere Tunika und andere Stiefel anziehen –
alles roch nach Esel. Jedenfalls tat er wie ihm geheißen,
kam nach kurzer Zeit wieder (es roch immer noch nach Esel) und stürzte
sich sofort auf die Arbeit an den Fässern. Dabei legte er wie
der Kaplan, eine nur selten zu beobachtende Emsigkeit an den Tag.
Ich bezweifle, dass dabei die Ermahnungen der Kellermeisterin den
Ausschank gewissenhaft zu notieren, noch wirklich in den Ohren klangen.
Irgendwie ging das Ganze dann nahtlos in die Feierlichkeiten zum
Jahreswechsel über, was die Angelegenheit aber nicht besser
machte. Das Ende vom Lied war jedenfalls, dass Gestern mal wieder
alle Zettel von den Fässern abgefallen waren. Es gab mächtig
Ärger von der Kellermeisterin, die androhte, wieder Inventur
machen zu müssen. Und dabei will sie nicht gestört werden.
Liebes Tagebuch,
das Jahr hat sehr ruhig begonnen. Nur vereinzelt kamen nach den
turbulenten Festtagen noch Händler oder andere Reisende hier
auf den Dannenberg. Wir haben groß reinegemacht und alles
ausgeräumt, um auch hinter der Wandteppichen zu lüften.
Der Herr sagt, Reinlichkeit sei wichtig. Selbst die Händler
müssen sich im dichtesten Gewühl und hochbeladen noch
die Stiefel abtreten. Der Vogt hat strikte Anweisung auf so was
zu achten. Aber im Augenblick ist es so ruhig - er versucht seine
Fanfare vom Bogner zurückzuerhalten.
Auch unser Mann in Hersfeld ließ verlauten, dass sich dort
derzeit nichts regt. So hörte ich es jedenfalls hier, als der
Herr ein Stockwerk weiter unten am Fenster mit jemandem sprach,
der unlängst zu nächtlicher Stunde am Tor um Einlass bat.
Der Herr fügte hinzu, dass Abt Bruno wohl immer noch sauer
aufstoßen müsse von dem Festmahl, dass er den Armen abgezwungen
hat und sich wohl niemand von den Presssäcken, hier am Burghang
blicken lassen wird. Ja, so spricht der Herr alldieweil von seinem
Lehnsherrn im hohen Stift.
Derweil nutzt der Herr die Zeit, den weiteren Ausbau der Burg zu
planen. Es ist so ruhig, dass als nächstes das Eselparadies
gebaut werden soll – so nennt der Herr es und schmunzelt dabei
– so wie ein Herr eben Schmunzeln kann. Ich konnte auf meinem
Weg von der Küche zum Pallas einen schnellen Blick auf die
große Pergamentrolle erhaschen, die der Baumeister in der
kleinen Kemenate entrollt hatte und dem Herrn mit Zeigestock und
weit ausladenden Bewegungen seine Pläne erläuterte. Der
Kaplan frotzelte anschließend mit dem Vogt, dass hier wohl
eine „Hanse“ entsteht und beide konnten sich kaum auf
den Beinen halten vor lachen. Ich muss gestehen, das habe ich nicht
verstanden – ich werde mal die Kellermeisterin dazu befragen.
Liebes Tagebuch,
es ist ruhig auf der Burg seit Wochen. Niemand lässt sich blicken,
obwohl es ungewöhnlich mild ist. Trotzdem bleiben die schweren
Holzläden in den Fenstern, denn die Ritzen mit Flachs und Wolle
auszustopfen, ist jedes Jahr eine Heidenarbeit. Manchmal ist man
jedoch versucht die Läden aufzureißen, vor allem da es
seit den Festtagen nur noch Kraut mit Rauchfleisch oder Kraut mit
welken Äpfeln oder Kraut ohne alles gibt. Die Luft ist nicht
gut!
Der Kaplan hat eine besondere Art das Tischgebet zu sprechen,
selten vor den Mahlzeiten, aber immer wieder mittendrin und ausgiebig
danach!
Draussen riecht es ein wenig wie Frühling und die ersten Vögel
zwitschern schon wieder munter - das täten sie nicht, wenn
sie hier bei uns im Burgmuff stecken würden... Frühling
komm!
Liebes Tagebuch,
heute brach das Unheil über uns herein... Steuereintreiber
kamen auf die Burg gleich am Morgen und verlangten energisch die
Kopfsteuer für die Burgbesatzung. Der Vogt schaute kreidebleich
aus dem Fenster seiner Kemenate und einen Moment lang dachte ich,
er würde befehlen das Öl zu erhitzen. Stattdessen hat
er wohl mit zitternden Fingern die Schatulle aufgeschlossen, denn
die Schergen zogen kurz darauf befriedigt ab.
Schade dass unser Herr nicht zugegen war, der hätte diese finsteren
Gesellen sicher mit Feuer und Schwert vertrieben... wie es aussieht,
heisst es für uns wohl weiter Kraut essen!
Liebes Tagebuch,
Agnes, die Kräutnerin, kam gestern aufgeregt mit wedelnden
Armen und fliegendem Kopftuch vom Garten in den Burghof gestürzt
und berichtete dem sehr überrascht dreinblickenden Hans (der
Knecht, nicht der Esel), wie sie dort hinten eben eine Vision gehabt
habe – es war ein Bild von einem Mariengarten, das sie dort
im Beet zwischen vertrockneten Salbeistrünken und der Fläche
für Schnittlauch überkam. Sie berichtete aufgeregt von
einer Hecke aus Buchsbäumen und einem Rosenspalier; sie sprach
von Pflanzen, deren Namen ich noch nie hörte, der Bedeutung
der Zahl Vier im Verhältnis zu der Drei, Rasenbänken,
elegant geschwungenen Flechtzäunen und einer hölzernen
Plattform, die vom Eingang zum Garten, die Flächen und Beete
wie ein Schwanenboot überragen solle. Überhaupt müsse
viel mehr Eleganz in den Garten.
Der Kaplan kam hinzu, kaute an einer kleinen Zwiebel und nickte zustimmend. Er schlug noch rings um die Burg einen schönen kurzgehaltenen Rasen vor, um mehr Fläche für das Schlagapfelspiel zu bekommen, eventuell um es auch mit mehr Teilnehmern spielen zu können. Agnes solle unbedingt mit dem Vogt und dem Baumeister über die Erstellung von Plänen sowie deren sofortiger Umsetzung reden. Hans entgegnete, dass die Steuereintreiber da waren und es sich günstiger auf den emotionalen Haushalt des Vogtes auswirke, wenn die Kräutnerin mehr ölhaltige Pflanzen anbauen würde. Diese ließen sich pressen und das gewonnene Öl erhitzen, für den Fall, dass die Büttel sich hier nochmals blicken ließen. Der Burgapotheker kümmere sich schon seit dem letzten Vorfall um den Gemütszustand des Vogts und sei dabei in der Tat mehr Heiler, als Heuchler. Jedenfalls spaltet er nicht mehr mitten in der Nacht Holz, sondern nur noch mehrmals am Tage.
Liebes Tagebuch,
Agnes gibt keine Ruhe. Kaum hat sie vernommen, dass das Amt Rotenburg
3 Knechte zur Verstärkung der Burgbesatzung entsenden will,
da hob sie die Faust und rief dass ihr, Agnes darselbst, der Erzengel
Gabriel, ebenfalls darselbst, über dem Komposthaufen erschienen
sei. Er hätte erklärt, dass der Haufen zu verschwinden
habe, dass er zu Erde werden solle, um Madonnenlilien und Pfingstrosen
zu nähren. Eine heilige Aufgabe sei es für jeden Knecht
und jede Magd dabei zu helfen!
Doch der Kompost ist recht ausladend... ihn zu bewegen, würde
Tage dauern... so beten wir lieber um die Hilfe des Allerhöchsten.
Soll sich doch der Kaplan drum kümmern! Übrigens: der
ständige Umgang mit den Kräutern scheint Agnes nicht gut
zu tun...
Liebes Tagebuch,
schade, dass Du keine Augen hast, um die Winterpracht der vergangenen
Tage selbst gesehen zu haben. Innerhalb nur weniger Stunden verwandelte
sich die Landschaft in eine zauberhafte Winterwelt. So hätte
ich es mir für die Weihnachtszeit gewünscht.
Dabei zeigte bereits die Salweide oberhalb des Haselwegs die ersten Plüschtriebe. Man könnte meinen, der Winter wolle mit aller Wucht sich dem bahnbrechenden Frühling entgegenstemmen und alles nachholen, was er in den vergangenen Monaten versäumt hat. Allerdings brauchte die immer milder werdende Luft nicht lange, um die weiße Pracht wieder schmelzen und in Lawinen von den Dächern in den Hof rutschen zu lassen. Immer wenn dies geschah und sich jemand dort unten befand, sprang er überrascht zur Seite, wenn der Schnee neben ihm nieder rauschte. Es war schon ein Spaß, die Kellermeisterin springen zu sehen, als eine kleine Lawine direkt auf sie fiel. Allerdings bemerkte sie sehr schnell, dass diese nicht vom Dach, sondern aus meinem vor mir geöffneten Fenster gefallen sein musste. Nur wenige Augenblicke später hörte ich sie sehr ärgerlich im Treppenhaus nach mir rufen. Ich versteckte mich im oberen Abort, bis wieder Ruhe in meiner Kammer einkehrte. Wenn sich die Kellermeisterin schon entgegen ihres Titels die Mühe macht, die Obergeschosse des Pallas zu stürmen, war sie wohl sehr verärgert. Tristan und Isolde schauten sehr verängstigt und haben mir einen Fleck auf meinem Schemel hinterlassen.
Liebes Tagebuch,
es wird Frühling! Am Burgweg erschienen die ersten gelben Sternblumen
und Buschwindröschen über Nacht und der Kaplan summte
vernehmlich "Süße Lüfte mich umwallen",
während er die Fenster seiner Kapelle wienerte.
Der Frühling
liegt in der Luft, endlich ist wieder Farbe in unserer Welt... wenn
das keinen Ärger bedeutet! Der Ausruf: "Jetzt ist das
Maß voll" vom Fenster der gegenüberliegenden Vogtei
dringend, ließ mich selbst in den Hof spähen. Unten versuchte
der Küchenmeyster Tobias einen Sonnenstrahl zu erhaschen, der
die reiche Borte an seinem Gewand aus rotem Linnen leuchten ließ.
In diesem Augenblick eilte Konrad der Knecht vorbei... in roten
Hosen! "Frechheit! Nicht mal unser Herr trägt rote Hosen..."
rief der Vogt ihm vom Fenster aus nach:"...es wird wohl Zeit
für eine Kleiderordnung hier!"
In diesem Augenblick ließ mich lautes Gerufe zur Luke auf
der anderen Seite des Wohnturms springen. Hans und Hans hatten sich
wohl mal wieder bewiesen, wer der Klügere von ihnen beiden
war, denn während der Knecht fuchtelnd vor dem durchbrochenen
Zaun herumhoppste, erklang tief aus dem Wald ein zufriedenes "Iii-aaah!"
Der Frühling packt doch jeden von uns Irdischen...
Liebes Tagebuch,
die neuen Werkstätten im Hof nehmen immer mehr Gestalt hat.
Der fromme Zimmermeister Sebastian hat sie mit Hilfe von wandernden
Gesellen im letzten Frühjahr errichtet. Die Pläne stammten
von Marcus dem Baumeister. Gestern haben sie gemeinsam einen neuen
Plan gefasst: Arbeitsböcke bauen. Sie sollten diesmal nach
den Plänen von Sebastian erstellt werden. Bis zur Mittagsstund
zeichnete er, redete was von Kirchdachstühlen und viergeschossigen
Ständerwerken. Meister Bruch hat sie dann bis zum Abend zugesägt
und zusammengebaut – jedenfalls einen.
Keineswegs fromm äußerte sich unser Kaplan Johann über den Würdenträger aus dem Nachbardorf Weißenhasel. Sofern ich ihn durch den Fußboden richtig verstanden habe, ging es darum, dass Anfang letzten Jahres die Großtante von Agnes in die Weißmühle gezogen ist. Sie konnte die vielen Treppen hier nicht mehr steigen. Der Kaplan hat sich hier oben seit Jahren, so wie von uns allen, auch um ihr Seelenheil gekümmert und nun hat sie das Zeitliche gesegnet. Die Beerdigung wird jedoch vom Pfaffen Othmar durchgeführt, der für das Lesen der Messe wohl auch den Nachlass von Tante Reinhild eingeheimst habe. Und das sei nicht zum ersten Mal vorgekommen. Die Kapellenfenster benötigen dringend eine neue Verglasung. „Pfeffersack“ und „Beutelschneider“ hörte ich den Kaplan noch schimpfen. Er werde dafür bis nach Hersfeld gehen, um die Angelegenheit dort zu Gehör zu bringen. Nicht umsonst sei sein zweiter Vorname Emanuel.
Liebes Tagebuch,
welch ein erhabenes Tagwerk hat der Türmer! Hoch oben über
dem Geschehen sitzt er und beobachtet, unbeteiligt, doch stets unterichtet.
Wie lacht der Türmer leise hinter seinem Fensterladen, wenn
etwa Hans der Knecht mit einer Karre Mist auf dem regennassen Hang
ausgleitet und sich auf den Hintern setzt, wobei der Inhalt der
umstürzenden Karre sich über ihn ergießt. Lauter
lacht er, wenn die Kellermeystrin an einem warmen Frühlingstag
die noch kühle Kemenate heizen will und der Qualm des Feuers
nicht den Schornstein hinauf will, statt dessen zurück ins
Gemach drängt, sodaß sie unter verzweifeltem Rufen und
Husten alle Fenster aufreissen muss.
Doch heute blieb mir das Lachen im Hals stecken, unbeteiligt konnte ich mich auch nicht fühlen, denn es war Besuchstag für die Kindleyn aller umliegenden Weiler. Mit ihren Ammen, Müttern oderVätern kamen sie am Nachmittag und bald schwatzte und schrie es an allen Ecken und Enden der Burg. War das ein Getöse, auch im Treppenhaus waren sie, kurz unterhalb der Türmerstube. Den Riegel hatte ich vorgelegt, das Lärmen hielt er allerdings nicht zurück. Erst am Abend kehrten sie zurück in den Ort und schlagartig trat Stille ein. Friederike Fettig und der Vogt sprachen kaum ein Wort, als sie vor der Küchentür verschnauften, selbst die Kellermeystrin Petra war still geworden, während ihre Magd Karola stumm die Reste von Zuckerwerk im Hof einsammelte. Letztendlich ist keine Warte hoch genug...
Liebes Tagebuch,
ich bin ganz aufgeregt. Tristan und Isolde haben ein Nest gebaut
und Eier gelegt, neben dem Türmerhorn im Regal. Die guten Wollhandschuhe
gönne ich ihnen, schließlich brauche ich die bis zum
Herbst nicht mehr. Obwohl ich ständig nach dem Rechten sehe,
tut sich dort nicht viel, aber ich will auf keinen Fall verpassen,
wenn meine Hilfe bei der Geburt benötigt wird.
Das ist aber noch nicht alles: heute Mittag drang ein spitzer Schrei
aus dem Kräutergarten und kurz darauf ein Zähneknirschen,
dass mir alle Haare zu Berge standen. Agnes die Kräutnerin
stand mitten im Beet, die Hände in die Hüften gestemmt
und bejammerte ihr "Beinweg" Zuerst dachte ich, sie hätte
einen Unfall gehabt, aber dann hob sie die Fäuste zum Himmel
und rief den Allerhöchsten um einen Blitzstrahl an, der die
Wesen der Unterwelt versengen möge. Anschließend hörte
ich sie im Burghof, wie sie Edle und Gemeine aufrief, die Kreuzhacke
zu ergreifen und die Schalen des Zorns über die finstern Geschöpfe
zu ergießen, die ihrem "Beinwell" die Wurzeln geraubt
hatten. Leo, der Alchemist aus dem Ort, der zufällig anwesend
war, riet ihr Salpeter mit Schwefel und zerstoßener Holzkohle
zu mischen und zu entzünden. Dieser Blitzstrahl würde
den Wühlmäusen in ihrem Beet schon den Garaus machen.
Doch wenn ihr mich fragt, würde ich sagen: Agnes sollte einfach
etwas weniger Umgang mit den Kräutern haben.
Liebes Tagebuch,
„Hoch! Hooch!“ schallt es von unterhalb der Vogtei
auf der Nordseite und lässt mich freudig zur Luke stürzen.
Oh wie prächtig - ein langer Troß von Mensch und Tier
ist zu sehen. Mit bunten Gewändern und wehenden Bannern eilen
sie den Burgberg hinauf. Endlich! Denn am Wochenende ist Frühlingsfest.
Die Gesellschaft singt und lacht. Viele winken mir von weit unten
zu und Musik von Harfen und Krummhörnern weht der milde Frühlingswind
an mein Ohr ... Doch welch bässerne Dissonanz stört den
Wohlklang ... – „Iiiiiiaaaaaaah!“. Jupp. Ich schrecke
hoch, stoße mir den Kopf an der niedrigen Holzdecke meiner
Schlafnische und falle von der Pritsche. Isolde schaut empört.
Noch schlaftrunken und die letzten Töne der lieblichen Melodie
in mir nachklingend, stolpere ich zur Luke und spähe hinaus.
Dort unten stehen Hans - der Knecht, nicht der Esel (der ist auch
zu sehen) – Konrad und Jupp, die sich reihum einander zurufen.
Gemeinsam und mit roten Köpfen wuchten die Knechte einen großen
und schweren Stein herum. Es ist der neue Spülstein, der im
Hof angebracht werden soll.
Es ist noch sehr früh am Tag, die Sonne im Osten erreicht kaum
das Kapellenfenster - so wünsche ich mir jeden Morgen geweckt
zu werden! Ich lausche ins Treppenhaus, aber dort ist alles ruhig.
Nur den Kaplan hört man bei seinem innigsten Gebet.
Nun denn, einige wenige Augenblicke der Ruhe will auch ich mir noch
gönnen, denn der fröhliche Troß ist schon ganz nah
an der Burg. Ich kann ihre feinen Gesichter erkennen. Und dort die
hübsche Maid mit dem langen kastanienbraunen Haar, in ihrem
krappgefärbten Kleid, dreht sich und tanzt und lacht ...
Liebes Tagebuch,
ich meine, es ist angebracht anzumerken, dass der Sommer bereits
Einzug hält. Die wohligen Temperaturen verleiten einen dazu,
ohne Hemd am offenen Fenster zu sitzen und sich nur von der Sonne
und den milden Lüften bis in den Abend hinein wärmen zu
lassen. Angenehm – ja, das trifft es ganz gut.
Weiter unten am Hang sieht man Hans und Konrad allerdings schwitzen
und dabei eine ehrenvolle Schlacht schlagen. Sie kämpfen gegen
die immer wieder vorrückende Pflanzenmacht, deren Attacken
die Burg sich von allen Seiten ausgesetzt sieht. Da nützen
weder Rüstung noch Schwert oder Schlachtroß. Sicheln
und Sensen sind ihre Waffen. Und Seit an Seit ziehen sie mit den
stolzen Streiteseln zu Felde. Mit immer neuen Finten und Ausfällen
schlagen sie unermüdlich große Breschen in den sich zusammenziehenden
Ring herannahender Eindringlinge, um sich dann eilig wieder hinter
die schützenden Mauern zurückzuziehen, wenn der Gegner
hinterrücks einen Schwarm Schnaken und wütend brummender
Hummeln auf die Streiter einstürmen lässt.
Oh wie gern würde ich an dem tobenden Kampf teilnehmen, um
mir meine Sporen zu verdienen. Aber ich bin leider an meinen Posten
gebunden. So bleibt mir nichts, als auszuharren, Signale zu geben,
wo erneutes Handeln zwingend erforderlich ist und so oft es geht
mit Blick auf die von Gott gegebenen satten Grüntöne unserer
Wälder den Kaplan bei einem kühlen Dünnbier, um den
Beistand des Allerhöchsten zu bitten.
Liebes Tagebuch,
Kappe diam, so pflegte meine Großmutter oft zu sagen. Was
sie damit meinte war: Mach was aus dem Tag! So halte ich von früh
bis spät Ausschau nach Hersfeldern und Buchensteinern, stets
bereit das Horn zu blasen und meine Schutzbefohlenen zu warnen.
Die Türmerstube gleicht indes einem Taubenschlag! Ich schaue
zweimal hin, bevor ich mich setze, berge Gelege in Truhen und Regalen,
pflücke Eier aus meiner Bettstatt (wo es am gemütlichsten
ist) und schüttele den Taubenmist aus den Signalfahnen. Tristan
und Isolde sind mittlerweile mehrfach stolze Eltern geworden. Nun
ja, sie machen was aus ihren Tagen..
Kappe diam sagt sich wohl auch Meyster Sebastian, der Zimmerer. Also sägt und klopft es auf der Burg von Morgens bis Abends und manchmal noch bis in die Nacht hinein, als würde alles Holz der umliegenden Wälder nicht ausreichen können. Tatsächlich zeigen sich schon kahle Stellen am Horizont.. Ein neues Zugwerk für die Zisterne war sein letztes Werk und wer mag sich schon über Hobelspäne im Wasser beklagen, wenn das frische Balkenwerk so prächtig und trutzig in der Sonne glänzt! Doch soll das Werk den Meister loben... verrichtet er`s besser allein und ungestört, denn flugs waren auch der Schmied, der Kaplan und der Vogt zur Stelle und redeten sich die Köpfe heiss, über Eimergewichtung, Zugmoment, Umlenkpunkt, Spannbreite und Biegefestigkeit. Immerhin war Wasser im Eimer...nebst einigen Spänen.
Liebes Tagebuch,
Es ist viel zu tun. Meine offene, sanft vom warmen Wind umspielte
Luke oben im Wohnturm durfte ich in den letzten Wochen nur aus großer
Entfernung betrachten. Der Herr sagte, es sei zu heiß für
die Hersfelder Presssäcke, um sich hier blicken zu lassen.
Und so mussten wir alle ran, um das Grün an den Hängen
unter den Obstbäumen zurückzuschneiden – der Kaplan
war auch einen Nachmittag mit dabei. Ich habe noch nie jemanden
Gottes Werk so innig Verfluchen gehört.
Besonders viel Arbeit macht die Ackerwinde, die alles andere umschlingt und bis zur Wurzel herausgerissen werden muss. Aber es liegen auch Steine in dem hohen Gras, die im Winter durch den Frost aus den Mauern gelöst werden und dann den Hang hinunter rollen. Das gibt hässliche Scharten im Sensenblatt, wenn man die trifft. Und hinterher, wenn man ausgedörrt und krapprot in den kühlen Burghof zurückstolpert, gibt es noch eine Standpauke von Burkhardt dem Schmied. Der schimpft dann rum, dass er wieder bis zur Dunkelheit dengeln muss.
Hans und Konrad sind unterdes vom Herrn abgestellt worden, im Dorf dem Bauern Heinrich bei der Heuernte zu helfen. Auf dem Armenberg brennt die Sonne unerbittlich auf die Wiesen, ohne dass es Schatten gibt. Im Hersfelder Grund fressen einen die Schnaken auf, weil dort das Wasser aus den Hügeln und den Schächten zusammenläuft. Und das geht schon den ganzen Brachet so.
Liebes Tagebuch,
ein neuer Küchenmeyster ist auf der Burg, der schnell Stephan
der Schmächtige genannt wurde. Natürlich ist er alles
andere als das! Tobias der Aufschneider ist zurück gen Norden
gezogen. Ich kann es verstehen, ist doch der Fischteich unterhalb
der Burg schon lange ausgetrocknet. Irgendwie beneide ich ihn...
einmal das Meer sehen!
Liebes Tagebuch,
es ist Reisezeit - es treibt wieder eine Menge Menschen auf die
Burg und es gibt viele Geschichten zu hören. Das gute Wetter
macht es möglich die Handelswege zu befahren und über
die Via Regia und die Salzstraßen Waren zu transportieren.
Ich konnte etwas Wein von einem Händler bekommen, der von einem
Fluss kam, der bis ins Meer fließt. Der war fein.
Und ich
habe eine hübsche Maid aus Italien kennen gelernt, die mit
einer Gruppe unterwegs war. Ich weiß aber nicht wie sie heißt,
weil ich sie nicht verstanden habe. Aber sie hat viel erzählt.
Und als sie dann vor drei Tagen wieder aufgebrochen sind, habe ich
mir heimlich das Horn von Hans aus der Wachstube genommen, um zum
Abschied von der Zinne zu blasen. Ich glaube, sie will mich wiedersehen.
Und von dem guten Käse aus dem Stift in Passau habe ich sogar
noch einen kleinen Rest. Das habe ich mir gemerkt, denn den Jakob
hab ich kaum verstanden, so dass ich es mir dreimal erklären
lassen musste. Es ist schon erstaunlich, denn ich kenne ja schon
einige Ortsnamen soweit ich von meiner Luke aus schauen kann und
bis zur Burg Hanstein im Eichsfeld und die ist bestimmt drei Tagesmärsche
entfernt. Die Menschen erzählen von Orten und Ländern,
von denen ich mein Lebtag noch nicht hörte und ich auch nicht
wüsste, in welcher Himmelsrichtung ich danach suchen sollte.
Aber Colonia kenne ich: das liegt an einem großen Fluss, der so breit ist, dass es keine Furten gibt und man auch nicht rüberschwimmen kann - hat der Baumeister erzählt. Da konnte ich mit dem Knecht Antonius drüber reden, den sie aber alle nur Tünnes nannten. Die Gruppe hatte ihr Lager in der Vorburg aufgeschlagen und der Tünnes hat den ganzen Abend Flönz oder so gegessen. Die haben das gebraten, so dass es außen kross und innen noch weich war und dazu ganz dünnes Bier getrunken. Aber sein Lieblingsessen sei Panhas oder so. Er hat mir erklärt, wie man das herstellt: verschiedene Frischwürste werden in einem großen Topf, dem „Schwienepott“, nach und nach gekocht. In diesem Topf werden sonst über das Jahr Essensreste und faule Gemüse für die Schweine gekocht, erzählte Tünnes kauend. Die anfallende Brühe wird reduziert und mit Buchweizenmehl angedickt. Dazu kommt dann Salz, Pfeffer, Piment, Nelken, gewolfte Schweinestücke, Speck und Blut. Dann lässt man das in beliebigen Formen erstarren. Also, die colonische Küche ist nicht so mein Fall. Ich bleib bei Flurgönder mit Brot und Duckefett - da weiß ich wenigstens was drin ist.
Liebes Tagebuch,
gestern war Waschtag. Die Tuniken wurden eingeweicht, gewalkt, ausgeschlagen
und auf die Leinen gehängt.
Plötzlich gab es im Hof eine fürchterliche Beschwerde von den Mägden, die in dem Wäschehaufen eine Brouche, also eine Unterhose, von unsäglicher Färbung fanden. Wem es denn einfiele, ein solches Unding unter die anderen Kleidungsstücke zu bringen? Mit zwei langen Stöcken nahm man diese feminalia non grata auf und versenkte sie in einem großen Mörser mit Seifenlauge, worin man sie eine geraume Weile kräftig stampfte. Als sie wieder herausgefischt wurde, stellte sich heraus, dass es sich um eine gepolsterte Bundhaube handelte, die vermutlich durch das Tragen unter der Kettenhaube zu ihrer unglaublichen Verfärbung kam. Nach weiterem Walken und Wringen fanden die Mägde auf der Innenseite die gestickten Initialen des Vogtes. Der stritt es jedoch vehement ab, ein solches Kleidungsstück in einen derartigen Zustand versetzen zu können und glaubte an eine Intrige.
Liebes Tagebuch,
heute waren die Herleshäuser auf der Burg. Sie marschierten
in einem großen lauten Pulk bis vor das Tor und hatten auch
noch Gäste aus französischen Landen dabei.
Hans Fettnapf der Torwächter wollte von nichts wissen und versuchte
sie auf die Burg Hanstein zu schicken, wie er das immer gern tut.
Das fanden sie nicht gastfreundlich, vor allem der Hauptmann der
benachbarten Brandenburg, der mit ihnen war, schwang große
Reden.
Die Stimmung heizte sich bald auf, sodaß mir nichts blieb als Alarm zu geben, worauf die Burgbewohner die Mauer besetzten. Man verstand aber auch kaum ein Wort in diesem Tumult! Konrad dem Knecht rutschte schließlich die Bogensehne aus den Fingern und sein Pfeil schlug kurz vor dem Brandenburger ein. Das nahm unsere Kellermeystrin zum Anlass ein Fass von ungeheurer Größe über den Kopf zu stemmen, auf die Mauer zu steigen und es mit einem lästerlichen Fluch auf die Belagerer zu schleudern. Uns allen blieb der Mund offen stehen, denn solch einen Kraftakt hatte ihr bis dato niemand zugetraut. "Eher spül ich mit dem Bier die Aborte, als dass ihr auch nur einen Schluck davon abbekommt!" rief sie und drohte mit der Faust.
Da schien dem Brandenburger endgültig
die Bundhaube zu enge. Er richtete einen kurzen, recht massiv wirkenden
Stock auf die Mauer, an dem eine brennende Schnur hing. Es tat einen
fürchterlichen SCHLAG, dichter Qualm umspielte Tor und Mauer
und mit einem Mal waren alle ganz ruhig und kreideweiss um die Nase.
"Das wäre doch kein Grund gleich ungemütlich zu werden"
rief der Torwächter und öffnete mit bebenden Knien schnell
das Tor.
Ich schätze beim nächsten Waschtag wird es noch einige
verfärbte Unterwäsche mehr geben... jedenfalls wurde es
noch ein lustiger Tag mit netten Gästen auf der Burg, denn
auf den Schreck hin, hat die Kellermeystrin natürlich erstmal
einige Fässer geöffnet.
Liebes Tagebuch,
es ist kaum zu glauben, aber der Komposthaufen ist nahezu verschwunden.
Dieses Ungetüm hatte zwischenzeitlich beängstigende Ausmaße
angenommen. Nachdem Agnes im Lenzing ihre Eingebung hatte, rief
der Kaplan nun Konrad zu sich, der den Segen und mit einem Schluck
Messwein auch den Mut erhielt, sich dieser gemeinnützigen Aufgabe
anzunehmen und zumindest den Haufen in drei Mieten zu unterteilen.
Durch eine glückliche Fügung, begab es sich, dass ein
entfernter Vetter Konrads aus Frankonovurd den Weg auf die Burg
fand, der nichts ahnend gleichsam für diesen Feldzug rekrutiert
wurde. Aber es stellte sich heraus, dass das beinah halbjährige
Beten des Kaplans seine Wirkung getan hatte, denn die Erde in den
Haufen war gut und locker, die nun im Garten auf die Flächen
verteilt neue Kraft in den Boden bringen soll.
Liebes Tagebuch,
das Kleidungsstück des Vogtes hängt noch immer auf der
Leine im Hof.
Am letzten Sonntag soll der Kaplan sich mit dem Weihrauchfass daran zu schaffen gemacht haben und das Textilstück danach mit dem Bann belegt haben. Das wäre gar nicht nötig gewesen, da eh jeder einen Bogen darum macht.
Liebes Tagebuch,
im Türmerstockwerk
ist des Nachts nun öfter Tumult! In der Kammer nebenan wohnt
eine alte, etwas verwirrte Tante unseres Herrn, die seit einer Weile
zur Schlafenszeit rumort und herumflucht.
Gut dass so selten jemand zu uns hoch steigt, so fällt es gar
nicht weiter auf.
Glücklicherweise hat auch niemand gemerkt, wie ich unlängst
zuvor mit meinem alten Dolch ein Loch durch die Lehmwand zur Nachbarkammer
machte. Doch was blieb mir übrig? Mittlerweile sind die Tauben
überall: in meinen Stiefeln und Hosen und wer weiss wo sonst
noch! So habe ich den jüngsten Nachwuchs bei der Tante untergebracht,
die gar nichts mitbekam. Die Wand verschloss ich wieder und lauschte
stundenlang dahinter. Doch bei der Tante bleibt meistens alles still.
Nur in der Nacht höre ich sie öfters "Huch!"
und "Zapperlot!" rufen, wenn ein Vogel auf ihrem Bett
landet.
Ein gutes Werk habe ich damit ebenfalls noch getan: "Ingretiert
die Alten weiter in die Gemeinschaft, lasst sie nicht aussen vor"
rief der Kaplan vor kurzem bei der Messe, während er mit erschlafften
Gesichtszügen und halboffenem Mund eine Kerze fixierte. Mehr
also habe ich, Friedrich, bescheidenes und stumpfes Werkzeug des
Allerhöchsten, mir nicht vorzuwerfen.
Liebes Tagebuch,
ganz plötzlich ist der Herbst da. Ich habe den Wechsel der
Jahreszeit gar nicht richtig wahrgenommen. Zuerst sah man nur einzeln
verfärbte Blätter an den Bäumen drüben am Buchenstein
– das war gegen Ende des Ernting. Wir konnten noch bis spät
in den Abend hinein draußen sitzen und gemeinsam das Tagwerk
besprechen. Und mit einem Mal fallen des Nachts die Temperaturen.
Der wolkenlose Himmel prangt mit überschießendem Sternengefunkel
und die Luft ist ganz klar. Man mag sie beinah trinken - wie frisches,
kaltes Wasser. Die Reisenden werden auch weniger, obwohl das Wetter
tagsüber noch gut ist.
Doch bald wird der Regen kommen und das Land wieder braun werden
lassen. Der Vogt lässt auch schon die Holzlager in der Burg
füllen und ärgert sich, dass das Jahr über das Backhaus
nicht gebaut werden konnte, an das man sich bei Kälte drücken
kann. Ich verstehe ihn nur zu gut: ein kleines mit Glut gefülltes
Becken, vermag einem kaum Zehen oder Fingerspitzen zu erwärmen.
Selbst Meister Burkhardt trägt nun zu seiner sonstigen Kleidung
zusätzlich eine kleine runde Mütze aus gefilzter Wolle,
die er einer fahrenden Händlerin im Reinhardswald abgekauft
hat. Er selbst war gemeinsam mit den Gelstertalern dorthin unterwegs,
um Warenbestellungen zu einem Markt in der Nähe der Sababurg
gebracht. Sie erzählten, dass sie Morgens vom Heulen der Wölfe
geweckt worden seien. Auch sonst scheint dies eine verwunschene
Gegend zu sein, da die Burg ihren Namen von einer Riesin haben soll
– ... heißt es. Allein Hans, Hans und Jupp gehen ihren
täglichen Verrichtungen und Geschäften mit routinierter
Gleichmäßigkeit nach. Das ist gut so, sie können
sich aufeinander verlassen und beschäftigen sich gegenseitig.
Der Kaplan hat mir am Sonntag nach der Abendmesse gesagt, ich brauche
auch eine Konstanze, an der ich mich orientieren könne. Na
dann werde ich mal nach ihr Ausschau halten. Vielleicht ist sie
ja schon auf dem Weg hier her.
Liebes Tagebuch,
die ganze Burg ist in Aufruhr, denn es ist wieder Markt und das
vier Tage lang. Rund um die Burg und im ganzen Wilhelmstal stehen
Zelte und Stände, in denen Reisende und Hiesige ihre Waren
anbieten. Es wird gelacht und ob des Wiedersehens vieler lang vermisster
Freunde sich gedrückt, geschwatzt und gefeiert.
Die Kellermeisterin kam erst bei Einbruch der Dunkelheit so richtig in Fahrt, wenn die Musikanten von Musica Vulgaris aufdrehten und die frisch gezapften Biere im Rhythmus zu Meister Enzos Trommelschlägen über die Theke gingen. Ein ums andere Fass wurde aus den Kellern nach oben geschafft und die Kellermeisterin scheuchte Knechte, Mägde und Gäste, lachte und schwatzte gleichzeitig. Der Vogt kam gut gelaunt mit stets neuem Getränk, stellte es irgendwo ab und vergaß es, um kurz darauf entrüstet nach dem dreisten Dieb zu fahnden. Er meinte, es müssen während des Festes mindestens vier Langfinger am Werk gewesen sein.
Agnes ging ins Tal, nur um jemanden zu begrüßen und – wie soll es anders sein - kam mit neuen Schuhen wieder. Die Senfmüllerin ging durchs Tor, nur um jemanden zu begrüßen, – wie soll es anders sein – bog in einer Marktgasse falsch ab und kam mit einer neuen Tasche wieder. Meyster Sebastian schaute finster, sobald ihn jemand begrüßen wollte und ging nicht ins Tal, ließ sich jedoch in seiner Werkstatt von einem fliegenden Händler einen neuen Hut aufschwatzen.
Ein jeder spart also das Jahr über eisern, um sich zum Beginn des Herbstes mit Waren für den anstehenden Winter einzudecken. Feinstes Schnitzwerk und Geistreiches aus dem Gelstertal, Spezereyen aus dem Morgenland, Klingen aus Böhmen, Tonwaren aus der Wetterau und Siegburg, Borten, Schmuck, Körbe, Felle, Schuhe, Gewänder, Kisten von sonst wo her - ach und was weiß ich noch alles. Gute und wärmende Tuche sind besonders gefragt. Konrad hatte bereits im vergangenen Jahr bei einer Gewandschneiderei nach lautem Gefeilsche ein Stück zwiebel- und krappgefärbtes Wolltuch erstanden und es gehortet. Er hat sich eine Hose und eine Gugel nähen lassen, passend zum Markt waren sie fertig. Hans (der Knecht, nicht der Esel) amüsierte sich prächtig, über das bunte Herbstlaubkostüm. Wenn er im Wald hinfiele, würde man ihn erst im Schnee wiederfinden und fiel mit dem Schmied vor Lachen an der Kohlenkiste beinah um. Alldieweil präsentierte er sich selbst in neuem eselgrauen Fischgrätmuster und meinte, er habe pünktlich zum Fest einen neuen Duft aus französisch Landen erhalten – vermutlich etwas von Jopp de Gaultier, lästerte Konrad mit Meister Gunther beim Bogenschießen.
Liebes Tagebuch,
anscheinend hat Hans der Knecht gestern vergessen die Esel ausreichend
zu füttern. Doch diese sind genügsam und suchen sich ihre
Nahrung auch selbst. So gab es heute morgen nur Schwierigkeiten
den Stall zu misten, da die Mistgabeln bis zur Unkenntlichkeit zerkaut
waren und an den Stallbesen nur noch Reste zerrupfter Reiser hingen.
Der Vogt wusste gleich was zu tun war und schickte die Gelstertaler
und Torstein den Knecht in den Wald, um Birkenreiser für neue
Besen zu holen. Von einem dieser Bäume wüsste er ganz
genau, dass er zumindest ungefähr in Richtung des Buchenstein
zu finden sei. Dort sei er bestimmt schon mehrfach mit seinen Hunden
vorbeigekommen. Sie sollten einfach die Augen aufhalten.
Es dämmerte als die drei mit leeren Kiepen auf die Burg heimkehrten, nachdem sie den halben Tag die Gegend abgesucht hatten. Der Stall sah mittlerweile so erbärmlich aus, dass der Küchenmeyster seinen Besen herausrücken musste. Von der Birke am Buchenstein jedoch hat der Vogt wohl nur geträumt!
Liebes Tagebuch,
seit Tagen schon beobachte ich Suse, Torstein und die Gelstertaler
bei ihrem Tun. Zuerst schleppten sie Körbe voller Blätter
herbei, ausserdem Walnüsse in einer Menge die man kaum zu essen
vermag. Dazu kamen Zwiebelschalen, die in der Burgküche nur
in Wochen anfallen können. Das alles wurde in die Gesindestube
verbracht, über der ja der Vogt wohnt.
Gestern morgen schrie dieser dann herum, dass es in seiner Schreibstube wie am heiligen Komposthaufen rieche und was hier denn eigentlich vorginge. Er gebrauchte noch schlimmere Worte und kurz darauf zog man mit Körben und Säcken ins Backhaus um, das ja wenigstens gut belüftet ist. Ein großer Kessel steht nun dort und in seinem Inneren blubbert es träge. Eine große Stoffbahn wurde in die Brühe getunkt und nahm alsbald die Farbe von... nun, sie wurde jedenfalls braun! Später beratschlagte man sich mit Hans dem Knecht, wie man große Mengen von Eselausscheidungen auffangen könne, um sie als Beizmittel zu verwenden. Heute morgen spazierten der Baumeister, der Kaplan und der Vogt über den Zwinger und berieten über den Bau eines Färbehauses. Wo genau dieses entstehen soll war eher fraglich, über eines waren sie sich jedoch einig: weit ausserhalb der Kernburg!
Liebes Tagebuch,
der Wald hat sein Blätterkleid nun beinahe vollständig
abgeworfen und das Laub ziert mit seinen unzähligen Farben
den Boden. Mittlerweile wird jede Woche Brennholz von den außenliegenden
Stapeln in die Burg geschafft.
Hans und Konrad unterhielten sich zuletzt dabei über den anstehenden Winter und Konrad meinte, man könne es riechen, wenn der Schnee kommt. Hans erwiderte schnaufend, er könne sich allerley vorstellen, was Konrad im Augenblick rieche. Aber dass er das Wetter mit der Nase vorhersagen kann, glaube er nicht. Die Nacht verging, es war ruhig, ein Käuzchen rief und die im Dachstuhl verteilten Tauben hatten ihre Schnäbel unter ihr Gefieder gesteckt, wo sie leise vor sich hingurrten. Ich war der Meinung wirklich alles im Blick zu haben. Doch ich muss mich wohl zu sehr konzentriert haben, denn als ich den Kopf hob, dämmerte es bereits und ... es war alles weiß. Es schneite bis zum Nachmittag. Aber gleichzeitig schmolz der Schnee auch wieder, da es nicht kalt genug war und wir noch keinen Bodenfrost haben. So sehr man sich im Herbst an den scheidenden Sommer klammert und sich den immer weniger werdenden Sonnenstrahlen entgegenreckt, hatte dieser kleine Anflug von Winter doch bereits etwas Zauberhaftes.
Liebes Tagebuch,
es schneit, es schneit.
Und die weiße Beschwerde
bedeckt die Erde
so weit, so weit.
Hatte ich den ersten Winterhauch als zauberhaft empfunden, so bin ich nun geradezu verzückt. Denn es schneit und schneit und schneit – es hört gar nicht mehr auf. In den vergangenen Tagen flockte es mal kräftig vom Himmel und es war endlich mal wieder kalt genug, dass der Schnee auch liegen blieb.
Im Waldecker Land erzählt man sich die Sage von einer Frau, die auf dem höchsten Bühl eines nahen Berges ihr Taubenhaus hatte. Dort züchtete sie die schönsten Tauben. Im Herbst sammelten sich die Tauben im Haus, wo die Frau dann die vielen abgefallenen Federn zusammenkehrte und auflas. Dann schüttelte sie die Federn vom vorigen Jahr über die ganze Landschaft aus und die neuen Federn stopfte sie in ihre Federbetten. Die Menschenkinder sahen aber Schnee über die ganze Landschaft fallen. Ob das die Heilige Elisabeth ist, die bei ihrem Auszug aus ihrer ungarischen Heimat die schönen Pfauentauben mit auf die Wartburg brachte? Man erzählt sich, sie nisten noch heute dort. Wenn man den Gedankenfaden weiter spinnt und sich das Nachbargemach anschaut, hat die alte Sage auch einen recht aktuellen Bezug. Ein Fünckchen Wahrheit findet sich ja immer. Ich werde bei der nächsten Gelegenheit den Kaplan hierzu befragen.
Achja der Schnee – Hans (der Knecht, nicht der Esel) ist bereits den gesamten Tag mit der breiten Schaufel am Burghang und räumt gegen den unablässlich fallenden Schnee an. Hans und Jupp betrachten dies mit ihrem so ganz eigenen Interesse und tragen nicht ganz so vornehm ihren Teil zum Bedecken der Erde bei. So muß Hans der Knecht, die breite Holzschaufel gegen die schmale austauschen und den Stall misten. Vorhin saß er unten in der Gesindstube, um sich aufzuwärmen - seine Kleidung war naß. Er meinte, es sei vom Schnee. So wie die naße Wolle seines Gewandes roch, kann ich mir jedoch gut vorstellen, dass die Esel ihn ordentlich in die Mitte genommen haben und sich mit ihrem schneenaßen Fell an ihm rieben, als er den frischen Strohsack aufhängte.
Liebes Tagebuch,
gestern war der Kehraus und ich weiss kaum noch wie ich in der Nacht in die Türmerstube gelangt bin. Viele Gäste waren da, um das alte Jahr zu feiern und zu verabschieden, bis auch sie sich verabschiedeten. Doch die Spielleute zu Suntrara gehörten mit zu den letzten, die hockten und tranken. Immer wenn der Vogt die Augenbrauen hob und mit dem Schlüsselbund rasselte, hoben sie ihre Instrumente ein weiteres Mal und stimmten ein weiteres Stücklein an, sogar von Seefahrern mit Bärten sangen sie und von Damen mit Beinhaar, doch dieses Stück hab ich nicht verstanden.
Eigentlich sollte das Fest in der großen Kemenate stattfinden und schon Tage vorher waren Tische, Bänke und Felle zum Verweilen, Feuerholz, Glutschalen und Fässer, zum Heizen und Kühlen in das erste Stockwerk des Wohnturms verbracht worden. Aber dann war es so frostig, dass wir wiederum kurzerhand alles einpackten und in die Vorratskeller unter der Burg umzogen. Die Plackerei hat allen natürlich gehörig Durst verschafft und es wurde also noch ein gemütlicher Abend, an dem ein ums andere Mal auf die Geselligkeit und die Freundschaft getrunken wurde.
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