



Es war einmal...

Friedrich der Türmer hat alles im Blick, was auf der Burg geschieht.
Er ist auf seinem hohen Wachposten jedoch manchmal ziemlich einsam, da sich selten jemand in sein Gemach im Dach des Wohnturms verirrt. Wenn er sich mal wieder langweilt, schreibt er in sein Tagebuch und berichtet von den Ereignissen auf der Burg, aus seiner ihm ganz eigenen Sicht ...
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Liebes
Tagebuch,
ich bin Friedrich. Friedrich der Türmer. Man kann wohl sagen
Türmer in dritter Generation, denn schon mein Großvater
war einst zum Sehen geboren, doch letztlich nur zum Schauen bestellt.
Nein, nein, derlei entspringt nicht meinem Geist. Solch geflügelte
Worte habe ich anderswo gelesen.
Meinen Großvater Hermann habe ich nie kennen gelernt. In
einer klirrend kalten Winternacht stieg er wie jede Nacht, seinen
Turm auf dem Hanstein hinauf, um Ausschau zu halten. Und irgendwann
im Lauf seiner einsamen Wache, drückte ihn wohl der viele,
saure Eichsfelder Wein und er verfehlte auf eisglatter Fläche
den rechten Tritt, was ihm letztlich am Ende der Leiter das Genick
brach.
Die Türmerei birgt eben nur wenig romantisches und ich trinke
lieber Bier..
Das ständige Gerangel um die kurmainzische Exklave müde, verschlug es meine Großmutter schließlich hierher, in die sanften Ausläufer des Richelsdorfer Gebirges, auf den Dannenberg. Nicht dass es hier, mit dem Hersfelder Abt als Lehnsherren, angenehmer wäre! Aber der Dannenberg schien ihr wohl ein guter Ort zu sein, warum weiss ich nicht. Vielleicht kam sie im Frühling her?
Wir bauen die Burg jedenfalls gegen Thüringen und unser Herr Ludwig, der "der Strenge" genannt wird, ist in diesem Ansinnen ziemlich ehrgeizig. Die Thüringer die ich persönlich kenne, machten jedenfalls einen sehr netten Eindruck und hatten eine gute Wurst im Gepäck. Unser Herr führt Verhandlungen mit der großen Stadt Erfurt um finanzielle Unterstützung zum Bau der Ringmauer zu erhalten, obwohl Erfurt in Thüringen liegt... aber wer versteht schon die Machenschaften der hohen Herren. Die nennen das "Politik"!
Aber dort im Osten zeigt sich bereits das erste Licht des neuen Tages und meine Hand schmerzt vom ungewohnten Schreiben in kalter Novembernacht! Es ist Zeit den Weg auf meinen Strohsack zu finden. Wenigstens für eine kurze Weile. Noch ist alles ruhig auf dem Dannenberg, doch schon bald wird wieder rege Betriebsamkeit herrschen.
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Liebes
Tagebuch,
es ist kalt aber trocken. Heute sind alle auf den Beinen um die
gewaltige Lieferung Brennholz zu stapeln, die auf zahlreichen
Karren, unter Führung des Baumeisters Marcus Bruch, auf die
Burg rumpeln. Aber ich muss hier auf dem Turm hocken!
Der Baumeister ist ein weitgereister Mann und baut sogar in der
viele Tagesreisen entfernten Stadt Colonia, aber dann ist er auch
wieder hier und hilft bei den Angelegenheiten der Burg mit. Gerade
kann ich ihn auf dem Bock eines Karrens sehen, den Kopf tief in
die Falten seines Umhangs gezogen, verlangt er lauthals nach Kuchen.
Da eine Jagdgesellschaft des Landgrafen im Wald unterwegs ist,
mussten die Holzfäller draussen das Sägen und Spalten
zur Mittagszeit unterbrechen, aber am frühen Nachmittag konnte
es weitergehen. Der Landgraf behauptete, dass der Lärm der
Arbeiter alles Wild vertrieben habe.. wenn das keinen Ärger
gibt!
Mittlerweile türmt sich das Holz in der Vorburg und die Knechte
und Mägde kommen mit dem Stapeln kaum nach.
Irgendwann gegen Abend kam Meyster Gunther der Bogner, mit rotem Gesicht und seinem Badetuch unterm Arm zurück auf die Burg und behauptete empört, dass ihm vom Holzstapeln nichts gesagt worden wäre..
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Liebes
Tagebuch,
heute ist der erste Advent, die Nacht war stürmisch.. und
die Esel sind ausgebrochen, ohne dass ich davon etwas mitgekriegt
hätte. Zum Glück hat Tanja die Magd sie auf einer Wiese
kurz vor dem Dorf gesehen, als sie vom Tannengrün sammeln
auf die Burg zurückkehrte, sodaß die Knechte Hans und
Thorsten nicht lange nach ihnen suchen mussten.
Nun.. wir haben einen Knecht namens Hans und einen Esel namens
Hans, wobei man auf der Burg nicht mehr wissen will, ob ersterer
nach dem zweiten benannt wurde oder umgekehrt..
In der Eingangshalle des Wohnturms wurde derweil der große Kronleuchter mit Tannengrün geschmückt und der Duft von frischem Gewürzkuchen stieg bis zu mir nach oben. Auch vor mir flackert eine Kerze im Wind während ich schreibe..
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Liebes
Tagebuch,
ich habe endlich Freunde gefunden hier oben. 2 Turteltauben sind
auf der Fensterbank gelandet und schauten mich an. Ich habe sie
mit Brotkrumen gefüttert, auch das Bier haben sie nicht verschmäht
... die eine hat sich nun gemütlich hingelegt und ich glaube
die Beiden möchten bei mir bleiben.
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Liebes
Tagebuch,
es ist der zweite Advent und das letzte Tageslicht hat sich bereits
verflüchtigt. Den ganzen Tag duftet es schon verführerisch
aus der Burgküche nach Kuchen und Braten und selbst hier
hoch oben im Türmerzimmer, trägt mir der Wind noch die
eine oder andere Duftwolke an der Nase vorbei. Gegen Abend, als
es langsam dämmerte, wurden unten im Hof Fackeln und Kerzen
angezündet und alles in ein goldenes Licht getaucht. So mag
ich den Advent. Auch in der Schmiede lodert schon den ganzen Tag
ein Feuer. Aber nicht, damit am heiligen Sonntag gehämmert
und gedängelt werden kann – nein, Hans (der Knecht,
nicht der Esel) und der Kaplan Johann hatten sich daran gemacht,
Met über dem Feuer zu erhitzen und in immer kürzer werdenden
Abständen zu verkosten, ob er schon heiß genug ist.
Vielleicht, um insgesamt etwas „geistiger“ zu werden
und den seligen Blick zu bekommen, in dieser besinnlichen Vorweihnachtszeit.
Das macht mir gar nichts, ich trinke sowieso viel lieber Bier.
Naja, während der Wache ist vom Herrn nur Dünnbier erlaubt.
Heute wurde es vom Ritter Ludwig verboten, dass nach Einbruch der Dunkelheit jemand auf den Dachboden steigt. Er hat mich selbst damit beauftragt, darauf zu achten, dass sich niemand dort hinauf stiehlt. Eben war er noch mal hier und meinte, er wolle nur kurz schauen, ob die Gauben alle verschlossen seien. Doch eben als ich hier so saß und schrieb, meinte ich dort oben über mir ein kurzes Poltern und ein leises „Ho ho ho!“ gehört zu haben. Mmh ..., ob ich mal ...? Nein, ich werde nicht nachschauen – der Herr hat schließlich verboten, dass jemand dort hoch steigt.
Diese Woche war fürchterlich – ständig dieser Wind und dazu der Regen. Niemand traut sich bei diesem Wetter mit dem Holzstapeln weiter zu machen. Wem kann man es schon verübeln, sich davor zu drücken, bis auf die Knochen durchnässt zu werden? ... dem Kaplan vielleicht ... und dem Bogner ... und dem grimmigen Vogt, der Kellermeisterin nicht ... aber dem Baumeister! Der hat das schließlich alles angekarrt. Ach, und natürlich hat es Ärger wegen der Jagdgesellschaft gegeben. Kein Stück Schwarzwild hätten sie gesehen. Dabei hatte Rudolf, der Holzsammler aus dem Dorf, nur Tage zuvor in diesem Gebiet eine Rotte von weit über 20 Tieren gesehen.
Ja, Herrschaftszeiten! Es regnet schon wieder - hätten wir mal so ein Wetter im März, könnten wir mit einer reichen Ernte rechnen. Aber Anfang Dezember wird einem auch nur der Blick nach draußen schon verleidet ... und ich? Ich mache den ganzen Tag nichts anderes, als nach draußen in diese braune Landschaft zu starren!
Von unten duftet es so herrlich. Aber langsam wird es ruhiger in der Burg. Bald ist es still. Der Vogt und die Kellermeisterin löschen schon die Lichter. Ich denke, es ist die richtige Zeit, in der Küche nach dem rechten zu sehen.
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Liebes
Tagebuch,
gestern war schon der dritte Advent. Hier auf der Burg geht es
ganz und gar nicht mehr besinnlich zu. Der Vogt ist auch alles
andere als in sich gekehrt! Nur Hans scheint der ganzen vorweihnachtlichen
Hektik gleich seinem Namensvetter mit wachsender Gleichgültigkeit
gegenüber zu treten. Ich kann mir schon vorstellen, dass
die Versorgung der Tiere an sich eine zufrieden stimmende Tätigkeit
ist. Jedenfalls kann man sagen, dass Hans in sich ruht - ... wenn
er so auf seiner Mistgabel lehnt und still, ganz allein für
sich, wie eine der großen, alten Buchen im Wald vom Winde
sanft hin und her gewiegt wird ... Das Leben kann so einfach sein!
Ach ja, die Vorweihnachtszeit! Hier geht es zu, wie in einem Taubenschlag. Beinah täglich kommen Händler und Handwerker und andere Leute, die den ganzen Abend reden und auch bewirtet sein wollen. Es wird ständig geredet – ja, und manchmal singen sie auch. So viel Frohmut bringt mich hier oben dann ganz aus der Fassung und dann summe ich auch eine alte Melodie vor mich hin. Meine Oma hat das Lied oft gesungen.
Der Bierkutscher rollt mit hochrotem Kopf Fass um Fass den steilen Torweg hinauf und in die Keller hinab, nur um noch mehr leere Fässer wieder hinauszurollen. Die Kellermeisterin und die Mägde bringen in einem schier nicht enden wollenden Strom Mengen von Säcken, Tiegeln und Töpfen in die Lagerräume, um sie dort zu verstauen. Erstaunlicherweise verlieren sie dabei nie ihre gute Laune. Ständig sind sie am Lachen und am Schwatzen. Will der Vogt sie antreiben und ruft „Schneller!“, dann schwatzen sie einfach schneller und Lachen noch mehr ... Das Leben kann so einfach sein!
In den vergangenen drei Tagen war eine große Gruppe von Gästen aus dem Norden hier. Wie der Herr mit Ihnen in Kontakt gekommen ist und wer sie waren, kann ich nicht sagen. Aber sie haben alle Bärte und Fellmützen getragen. Manch einer konnte beeindruckend finster gucken. Aber sie haben auch alle viel gelacht. Der Vogt hat beim Blick ins Treppenhaus, ob der faustgroßen Wollmäuse aufgestöhnt und dann die Mägde zum Fegen angetrieben. Ach, haben die geschwatzt und gelacht.
Es ist kalt geworden. Der Regen der letzten Wochen hat aufgehört und alles ist in Frost erstarrt. Nichts regt sich dort draußen zwischen den Bäumen – es ist still ... Das Leben kann so einfach sein!
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Liebes
Tagebuch,
der Winter ist über uns gekommen und unbarmherzig ist der
Frost schon seit Tagen. Der Burgberg ist von Schichten gefrorenen
Reifs umhüllt, die entfernten Wälder sind silbrig und
alles ist erstarrt. Ich sitze hier in meiner Turmstube, das kleine
Glutbecken vermag mir gerade die Fingerspitzen, wahlweise die
Zehen etwas zu wärmen. Der Winter ist keine Zeit für
die Fehde, also schaue ich beruhigt meinem dampfenden Atem zu
und lausche dem Knacken des Dachstuhls über mir.
Vorhin schreckte ich plötzlich von einem harten Geräusch zusammen, wie von einem Schlag. Ich sprang zu einer der Luken und spähte hinaus, konnte jedoch nichts ungewöhnliches entdecken. Da war es schon wieder! Auf dem Zwinger entdeckte ich schließlich den Kaplan, der einen großen Holzlöffel schwang, bei ihm war Hans der Knecht. Offenbar haben sie ein neues Spiel entdeckt, denn Hans warf mit seltsamen grauen Bällen nach dem Kaplan und dieser wehrte sie mit einem Schlag des Holzlöffels ab, sodaß sie weit über den Burgberg flogen. Klack! Erst später ging mir auf, dass die unförmigen grau-grünen Kugeln nur der Frost für ein Schlagballspiel taugen ließ, denn es waren gefrorene Eselsäpfel! Nun, irgendwie muss man sich die dunkle Zeit ja vertreiben.
Meine Tauben sitzen mir gegenüber auf dem Tisch. Ich habe sie Tristan und Isolde genannt und sie wollen gar nicht mehr von meiner Seite weichen. Auf Isolde bin ich gerade nicht so gut zu sprechen, denn sie hat einen Fleck ins Tagebuch gemacht, oben über dem Datum, aber ich kann ihnen auch nicht lange böse sein. Ich bin froh, dass ich zwei Gefährten gefunden habe. Wer will in der heiligen Nacht schon gern alleine sein?
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